74  Sybel  über  die  Revolution  und  Stellung  des  neuen  Reichs  zu  derselben.

gewalt  ward  von  den  Massen  verpönt  und  der  allgemeine  Ruf
war:  „die  Nation  und  der  König!“  d.h.  die  demokratische  Monarchie
  oder  die  monarchische  Demokratie.

Hier,  wo  der  Vorhang  vor  dem  Drama  der  Nationalversammlung
  aufgeht,  verlassen  wir  Sybel.  Das  Schicksal  des  Königsthums
war  schon  entschieden.  Die  Katastrophe  war  in  seiner  Täuschung
begrlindet,  dass  es  in  den  Reichsständen  die  alten  privilegirten
Stände  wiederzufinden  und  mit  ihnen  und  neben,  im  Nothfall  auch
gegenüber  den  Vertretern  des  Bürgerthums  den  alten  feudalen
Zusammenhang  erhalten  zu  können  glaubte.  Die  Kraft  der  Provinzen
  war  längst  verzehrt,  konnte  also  ihren  Vertretern  kein
Gewicht  mehr  mittheilen.  Die  Vorfahren  Ludwig’s  XVT.  hatten
auch  deshalb  mit  dem  Eingreifen  der  vollen  Souveränetät  nicht
Ernst  machen  können,  weil  sie  nach  der  Unterwerfung  der  Feudalherren
  und  selbst,  nachdem  sie  dieselben  zur  politischen  Nullität
heruntergebracht  hatten,  vom  Mitgefühl,  selbst  Mitleid  mit  dem  gedemithigten
  Adel  ergriffen  wurden  und  in  ihm  das  verwandte
Erobererblut,  wie  das  ihrem  königlichen  Rechte  entsprechende
Erobererrecht  anzugreifen  Bedenken  trugen.

Ludwig  XVT.  ging  an  der  Täuschung  zu  Grunde,  dass  er  es
für  möglich  hielt,  mit  den  privilegirten  Ständen  einen  Staatsstreich
gegen  die  Nationalversammlung  zu  unternehmen.  Ebenso  wenig,
wie  ihm  die  Intriguen  gelingen  konnten,  auf  die  er  sich  gegen  die
active  Partei  einliess,  war  er  im  Stande  mit  der  letzteren  den
Staatsstreich  gegen  die  Reste  der  alten  Stände  durchzuführen.
Zuletzt  ruinirte  ihn  das  mit  dem  feindlichen  Ausland  eingegangene
Einverständniss  und  die  Souveränetät,  um  deren  Besitz  der  Kampf
der  constituirenden  und  legislativen  Versammlung  geschwankt
hatte,  fiel  dem  Convent  anheim.

Wir  werden  nun,  mit  Hinblicken  auf  die  Deutschen  und  deren
neues  Reich  untersuchen,  in  welcher  besondern  Begabung  des
französischen  Volks  die  Anstrengungen  dieses  Kampfes  wie  dessen
siegreicher  Ausgang  begründet  sind.  (Dazwischen  wird  indess  der
Verfasser  unsern  eifernden  Historiker  noch  beiläufig  auf  die
mit  Meisterhand  gezeichnete  Greschichte  der  königlichen  Revo-Intion
  aufmerksam  machen,  die  sein,  in  allzufrüher  Jugend,  1848,
verstorbener  Freund  und  Mitarbeiter  Ernst  Jungnitz,  in  der
Schrift:  „Geschichte  der  französischen  Revolution  von  1787  und
1788“,  Charlottenburg  1846,  in  zwei  Bänden  veröffentlicht  hat.)