Sybel  über  dio  Revolution  und  Stellung  des  neuen  Reichs  zu  derselben.  5

Es  gibt  eine  ansehnliche  Litteratur.  die  uns  über  die  Gemüths-
  und  Herzensstimmung  unterrichtet,  aus  welcher  die
gewaltige  und  andanernde  Anstrengung  der  französischen  Revolution
  hervorgegangen  ist.  Mehrere  deutsche  Schriften,  die  einer
völligen  Vergessenheit  anheimgefallen  sind,  gehören  zu  diesen
zahlreichen  Documenten.  Aus  der  Zeit,  welche  die  höchste  Steigerung
  des  Schreckens  erlebte,  sind  uns  herrliche  Zeugnisse  von
Deutschen  erhalten,  die  im  Gefolge  der  alliirten  Heere,  oder  als
Gefangene  der  französischen  Sieger,  auch  wohl  aus  eigener  Just
an  Abenteuern  zu  jener  Zeit  nach  Frankreich  gekommen  waren.
Die  Stimmung  in  Frankreich  zur  Zeit,  als  die  Directorialregierung
dem  Staatsstreich  Bonaparte’s  entgegensank,  hat  uns  Ernst  Moritz
Arndt  in  seinem,  hoch  über  Goethe’s  „italienische  Reise“  stehenden
Meisterwerke:  „Reisen  durch  einen  ‚Theil  Deutschlands,  Ungarns,
Italiens  und  Frankreichs“  (vier  Theile,  zweite  Auflage,  Leipzig
1804)  geschildert.  Die  Spitze  dieser  Litteratur  bildet  aber  die
Sehrift  O.  F.  Wehrhan’s:  „Familienreise  nach  Frankreich“  (Liegnitz
  1834).  Der  Verfasser,  als  er  diese  Reise  unternahm,  Pastor
zu  Kunitz  bei  Liegnitz,  wenige  Jahre  darauf  ein  Opfer  des  preussischen
  Agendenstreits  und  evangelischen  Unionsgeschäfts,  war  als
Soldat  des  preussischen  Reservecorps  am  1.  März  1814  bei  Rabais
gefangen  genommen  und  gedenkt  nun  in  jener  Schrift  der  vielen
Beweise  von  Gütigkeit,  die  er  als  Gefangener  bei  Hoch  und  Niedrig
erhalten  hatte.  Er  sagt,  den  Strich  längs  der  Loire,  wo  er  sammt
den  Genossen  seiner  Gefangenschaft  das  Volk  besonders  menschenfreundlich
  fand,  habe  er  hernach  oft  scherzweise  das  Land  der
guten  Leute  genannt;  in  jener  Schrift  vom  Jahr  1834  fasst  er
aber  seine  Erfahrungen  vom  Character  der  Franzosen  in  folgendem
Satz  zusammen:  „ich  halte  sie  im  Ganzen  für  ein  gutes  Volk,
denn  als  solche  habe  ich  sie  sowohl  im  Kriege  als  auch  wieder
auf  dieser  Reise  kennen  lernen,  und  ob  ich  zwar  auch  einige  Beispiele
  von  Rohheit,  Härte,  Stolz  und  Schlechtigkeit  anführen  könnte,
so  überleuchten  doch  die  vielen  Beweise  von  Edelmuth,  Uneigennützigkeit
  und  Herzensgüte,  die  ich  unter  ihnen  erfahren,
  diese  Schattenseiten  so  weit,  dass  ich  nicht  nur  sehr  undankbar,
  sondern  auch  schr  falsch  sein  würde,  wenn  ich  mich  in
meinem  Gesammturtheil  durch  jene  bestimmen  liesse.“

Nun,  —  diese  natürliche  Herzensgüte,  welche  der  deutsche
Gefangene  und  Reisende  in  Frankreich  durchweg  und  in  den  rüh-