76  Sybel  über  die  Revolution  und  Stellung  des  neuen  Reichs  zu  derselben.

rendsten  Beweisen  zu  bemerken  Gelegenheit  hatte,  ist  es,  was  den
Franzosen  von  seinen  Nachbarn  unterscheidet  und  zum  schöpferischen
  Organ  der  Revolution  gemacht  hat.

Edelmuth,  Gütigkeit,  Theilnahme  für  das  Wohl  des  Nächsten
sind  auch  dem  Engländer  und  dem  Deutschen  eigen,  aber  sie
liegen  bei  diesen  Völkern  nicht  so  bereit  und  so  zu  Tage  wie  bei
den  Franzosen;  damit  sie  sich  äussern,  muss  der  Engländer  erst
die  Schroffheit,  mit  der  er  sich  gegen  die  Welt  isolirt,  aufgeben
  und  der  Deutsche  aus  der  Unschlüssigkeit  und  Trägheit,
  der  er  sich  nur  zu  leicht  hingibt,  sich  aufraffen.  Bei  dem
Franzosen  sind  jene  Äusserungen  der  innern  Güte  unmittelbare
Erscheinungen  seiner  reichbegabten  Natur;  bei  dem  Jüngländer
und  Deutschen  brechen  diese  Blüthen  der  menschlichen  Natur  erst
hervor,  nachdem  die  Gemüthsrinde  des  Ersteren  gelöst  und  die
Zerflossenheit  des  Andern  zum  Entschluss  zusammengeballt  ist.

Der  Franzose  fühlt  sich  von  dem  Verwandten,  das  ihm  begegnet,
  schnell  ergriffen  und  hegt  und  pflegt  es  alsbald  mit  hingebender
  Geschäftigkeit,  der  Engländer  prüft  erst  und  der  Deutsche
beschäftigt  sich  mit  allerlei  Bedenken,  ehe  den  Regungen  der  Theilnahme
  freier  Lauf  gelassen  wird.  Der  Franzose  folgt  unbedenklich
den  Eingebungen  des  Herzens  und  freut  sich  dieser  Wegweiser,
die  ihm  die  Gelegenheit  zu  einer  erfreuenden  That  verschaffen;  der
blöde,  unbeholfene  Engländer  misstrauet  dagegen  der  Natur  und
der  Stimme  des  natürlichen  Herzens  und  zieht,  ehe  er  sich  für
einen  Entschluss  entscheidet,  alle  möglichen  moralischen  und  conventionellen
  Rücksichten  zu  Rathe,  während  der  Deutsche,  ehe  er
seiner  Bedenklichkeit  ein  Ende  macht,  sehr  oft  lieber  die  Aufmerksamkeiten
  unterlässt,  mit  denen  der  Franzose  des  Nächsten
Herz  erfreut.

Ebenso  leicht,  wie  sich  der  Franzose  zu  einer  guten  Handlung
entscheidet,  entbrennt  er  auch  gegen  Alles,  was  reinem
Herzen  als  Unrecht  erscheint  und  enthusiasmirt  er  sich  für  den
Kampf  gegen  die  Leiden  und  Unterdrückungen,  die  nach  seiner
Überzeugung  dem  Menschen  in  dieser  Welt  dar  Leben  schwer
machen;  der  Engländer  bespricht  sich  dagegen  lange  mit  seinem
Gewissen,  ehe  er  eine  störende  Zugabe  zu  seinem  Leben  für  ein
Unrecht  erklärt,  hält  es  dann  aber  auch  für  ein  Gebot  seiner  persönlichen
  Ehre,  dies  Unrecht  auf  Tod  und  Leben  zu  bekämpfen,
während  der’Deutsche  mit  seinen  Erwägungen  der  Frage,  ob  das
störende  und  lästige  Ding,  das  man  als  ein  Unrecht  verklagt,  nicht