Sybel  über  die  Revolution  und  Stellung  des  neuen  Reichs  zu  derselben.  77

auch  seine  guten  Seiten  habe,  oftmals,  ja  gewöhnlich  nicht  zu
Ende  kommt.

Freudigkeit,  —  etwas  ganz  Anderes  als  Freundlichkeit,  da
letzteres  sich  oft  nur  auf  das  äusserliche  Mienenspiel  beschränkt,
während  ersteres  iin  Quell  des  Gemüths  seine  Heimatlı  hat,  charakterisirt
  den  Franzosen.  Den  freudigen  Regungen  seines  Innern
entspringt  das  Ideal,  nach  dem  er  seine  Umgebung  gestalten  will,
—  freudig  unterzieht  er  sich  dem  Kampf  mit  dem  Widerstand,  den
er  bei  seinem  Werke  findet  —  freudig  geht  er  dafür  in  den  Tod.
Der  Engländer  macht  sich  unverdrossen  an  das  Werk,  wenn  er
seine  Gewissensscrupel  geprüft  und  sich  für  das,  was  sich  ihm  als
das  Rechte  bewährt,  entschieden  hat.  Verdrossenheit  und  Unfreudigkeit
  überfällt  den  Deutschen,  sobald  ihn  ein  Fehlschlag
trifft.  Für  Calamitäten,  deren  Verschuldung  oft  nur  seine  Verdriesslichkeit
  und  Unbehilflichkeit  trägt,  liebt  er  es,  irgend  einen
Minister,  Staatsınann  oder  Gewalthaber  allein  verantwortlich  zu
machen.  Die  Metternich-Anklage  ist  ein  bezeichnendes  Charakteristicun
  der  deutschen  passiven  und  nach  Sündenträgern  suchenden
Natur.  Sybel's  Geschichtsschreibung  treibt  die  Sache  in's  Grosse
und  ist  eine  permanente  Anklage  Österreichs;  in  seiner  Geschichte
des  Revolutionszeitalters  hat  er  den  geistreichen  Gedanken,  die
„Demoralisation“,  die  durch  das  Beispiel  des  französischen  Hofes
von  Franz  1.  bis  auf  Ludwig  XV.  über  die  höheren  Stände  gekommen
  sei,  für  die  „Ausartungen“  der  Revolution  verantwortlich
zu  machen.

Wir  haben  zahlreiche  Ausführungen  deutscher  Zeitgenossen
und  Augenzeugen  der  französischen  Schreckenzeit,  die  alle  in  dem
Satz  zusammentreffen,  dass  dem  Deutschen  sowohl  die  ideale
undtheoretische  Schwungkraft  zur  nachhaltigen  und  jahrelangen
Begeisterung  und  Mitwirkung  für  eine  Erneuerung  seiner  öflentlichen
  Zustände  fehlt,  als  auch  das  praktische  Schick,  sich,  sei
es  als  Anhänger,  sei  es  als  Gegner  der  Neuerung,  in  die  durch  dieselbe
  bewirkte  Nothlage  zu  finden  und  sich  allenfalls  eine  eigene,
selbstständige  Position  zu  schaffen.

Dieser  Satz  erhält  durch  die  Unentschlossenheit  der  oberen
Regionen  und  durch  die  Unbeholfenheit  der  Massen  und  Parteien
in  der  jetzigen  deutschen  Nothlage  eine  schlagende  Bestätigung.
Das  Bismarck’sche  „Oeuvre*  war  wie  das  Calonne’sche  Programm
  und  die  Leistung  der  Constituante  ein  Versuch,  die  corporative,
  den  nationalen  Bedürfnissen  nicht  mehr  entsprechende