18  _  Sybel  über  die  Revolution  und  Stellung  des  neuen  Reichs  zu  derselben.

Gliederung  des  Rechtsstaats  zum  Besten  einer  der  allgemeinen
Gerechtigkeit  entsprechenden  Centralisation  aufzulleben.  Es  blieb
jedoch  nur  ein  Versuch.  Während  ‚die  im  Mai  1879  zusanımengetretenen
  Generalstände  Frankreichs  als  Nationalversammlung  nach
dem  Calonnes’schen  Programın,  die  Departeinents-  und  Lokal-Vertretungen
  schufen,  hat  es  das  Bismarck’scheWerk  nach  jahrelangen  Ansätzen
  noch  nichteinmal  in  Preussen  zu  einer  zusammenhängenden
Gemeinde-,  Kreis-  und  Provinzialvertretung  gebracht.  Eine  moderne
Steuerreform  wie  sie  die  französische  Nationalvertretung  neben  dem
Assignatenwesen  in’sg  Leben  rief,  ist  für  das  neue  Reich  noch  nicht
einmal  im  Entwurf  zu  erringen  gewesen.  Das  Bismarck'sche  Werk
knarrte  in  allen  Fugen  schon  in  den  ersten  Jahren  des  norddeutschen
  Bundes,  —  es  knarrte  wieder  alsbald  nach  der  rettenden
Episode  des  französischen  Krieges  und  dem  augenblicklichen  unsichern
  Tasten  der  oberen  Regionen  entspricht  die  Verdriesslichkeit
  und  Gedrücktlieit  eines  Publikums,  welches  sich  mit  dem
Ausrufen  seiner  Tausende  von  Vorschlägen  und  Forderungen  den
Kopf  verwirrt.

Der  Naturgüte  des  französischen  Herzens,  nicht  nur  der  Nothwehr
  und  der  strategischen  und  politischen  Verfolgung  der  ersten
Siege  entsprang  seine  Propaganda  der  Revolution.  Derselben
liegt  auch  etwas  Generöses,  die  Sympathie  für  die  Welt  zu  Grunde.
Durch  ihr  Unglück  hat  es  die  \Velt  verdient,  dass  sich  der  Revolutionist
  für  ihre  Freiheit  todtschlagen  lassen  will.  Sie  ist  leidend,
krank  und  damit  sie  nicht  unter  der  Last  der  Unfreiheit  und  Ungerechtigkeit
  erliegt,  eilt  er  zu  ihrem  Beistand  herbei.  Und  er
glaubt  an  ihre  Erlösung,  wie  er  schon  im  Anfange,  als  die  fremden
Heere  bei  ilırem  Einmarsch  in  das  Land  seine  Hauptstadt  mit
einer  gründlichen  Zerstörung  bedrohten,  an  dem  endlichen  Sieg
nicht  zweifelte,  obwohl  die  einheimische  Armee  bei  ihrem  Verfall,
bei  dem  Mangel  an  Anführern  und  bei  der  offenkundigen  verrätherischen
  Gesinnung  der  gegenwärtigen  Führer  keine  sichtbare
Bürgschaft  dafür  bot.

Österreichs  schlechtes  Benehmen  gegen  Preussen  auf  der  einen
Seite,  auf  der  andern  die  Ausschreitungen  und  „Ausartungen“  der
Revolution,  die  Fixirung  eines  höchsten  zulässigen  Preises  für  die
Lebensbedürfnisse,  die  Besoldung  der  unteren  Klassen  für  politische
  öffentliche  Dienste,  die  Entfaltung  des  communistischen
Baimers,  die  Beraubung  der  Eigenthümer,  —  das  sind  die  Theima’s,
die  Sybel  in  fiegender  Hitze  vor  den  Augen  des  Lesers  vor  sich