Das  preussisch-russische  Verhältniss.  8

späterhin,  in  jenem  Augenblick,  als  das  angeblich  durch  die
deutsche  Regierung  mit  Krieg  bedrohte  Frankreich  in  April  1875
ganz  Europa  zu  seinem  Schutz  allarmirte,  wieder  eine  sehr
bedenkliche  Rolle.  Derselbe  Beamte  des  Berliner  auswärtigen
Amts,  der  nach  der  einen  Fassung  der  Sage  dem  Vertreter
Frankreichs  auf  einem  Hofball  im  Berliner  Schloss  eine  zarte
Bemerkung  über  die  Rüstungen  seines  Landes  zuflüsterte,  soll  nach
einer  anderen  Überlieferung  in  Petersburg  dem  Fürsten  Gortschakoff'
  über  die  kriegerischen  Gelüste  der  französischen  Republik
ein  düsteres  Bild  entworfen  und  der  russische  Kanzler  statt  aller
Antwort  ihm  ins  Gesicht  gelacht  haben.

Wenn  auch  die  letztere  Fassung  der  Sage  die  Scene  zu  weit
in  die  Ferne  legt,  so  muss  doch  in  dem  Kreise,  in  dem  sie  entstanden
  ist,  die  Manier  des  Petersburger  diplomatischen  Nestors
und  seine  Ansicht  über  den  Berliner  Rivalen  bekannt  gewesen
sein  und  wir  können  uns  nicht  der  Frage  entziehen,  ob  Bismarck
mit  seiner  Sprache  und  Haltung,  während  er  den  Posten  an  der
Newa  bekleidete,  dem  russischen  Kanzler  Anlass  zum  Lachen
gegeben  habe.

Es  liegen  uns  zahlreiche  Documente  vor,  die  uns  über  seine
Sprache  in  den  verschiedensten  Lagen  unterrichten.  Die  parlamentarischen
  Berichte  zeigen  uns  ihn  in  einer  beständigen
Anspannung;  man  hört  aus  seinen  Reden  heraus,  dass  das  Thema
des  Augenblicks  ilın  Tag  und  Nacht  beschäftigt  hat  und  Entwürfe,
  Fassungen  und  Wendungen  zur  Bewältigung  in  ihm
aufgestiegen  sind,  die  er  dann  in  der  Kammersitzung  von
Regierungstisch  aus  mit  nervöser  Kraft  zusammenballt  und  auch
wohl  durch  eine  neue  Form,  plötzliche  Eingebung  oder  durch
einen  krampfhaften  Trumpf  ersetzt.  Wie  er  selbst  in  einer  seiner
Reichstagsreden,  vom  3.  December  1875,  eine  Angelegenheit  der
Strafgesetzgebung,  eine  Frage,  die  den  Reichstag  schon  vor  vier,
vor  sechs  Jahren  beschäftigt  habe,  als  einen  der  Würmer  bezeichnet,
  „die  nicht  sterben“,  so  arbeitet  in  ihm  der  Wurm  der
Unification.  Er  lässt  es  dabei,  für  den  Anschein  wenigstens,
unentschieden,  ob  in  dieser  Einigung  Preussen  in  Deutschland
oder  dieses  in  jenem  aufgeht,  aber  der  eigentliche  Wurm  bleibt
immer  die  Sorge,  dass  alle  Privatkräfte  und  individuellen  Corporationen
  in  die  Einlieitsmacht  aufgehen  und  in  ihr  fügsames
Material  verwandelt  werden.  Bei  solcher  straffen  Nervosität
kann  kein  Lichtblick  durchbrechen,  ist  für  lachenden,  freu-Baucr,

  Bismarck'scho  Ära.  6