82  Das  preussisch-russische  Verhältniss,

digen  Humor  keine  Stätte,  herrscht  bitterer  Ernst  bis  zur
strengen  Drohung.

Wenige  Tage  nach  seinem  Amtsantritt,  Ende  des  September
1862,  schlug  er  in  der  Budgetcommission  des  Abgeordnetenhauses
den  flüchtigen  chevaleresken  Ton  an  und  versuchte  es,  die
Opposition  zu  gewinnen,  indem  er  ihr  die  kaleidoskopischen  Bilder
von  Preussens  militärischer  Bestimmung  und  Erhabenheit  über
die  Spiele  des  Parlamentarismus  vorführte  und  durcheinanderschüttelte.
  „Man  fasst  den  Conflikt,  (so  rollten  seine  Sätze  hin),
zu  tragisch  auf;  eine  Verfassungskrisis  ist  keine  Schande,  sondern
eine  Ehre;  Alles  ist  in  Preussen  zu  selbstständig,  wir  sind  vielleicht
zu  gebildet,  sind  zu  kritisch,  um  eine  Verfassung  zu  ertragen.“

Er  hatte  sich  getäuscht  und  glaubte,  die  Opposition  würde
ihm,  dem  vielfach  angekündigten  Oedipus  der  deutschen  Frage,
die  Ausführung  der  Ideale  des  Nationalvereins  willig  überlassen.
Er  zeigte  ihr  sogar  „diesen  Olivenzweig,‘“  den  er  in  seiner
Cigarrentasche  mitgebracht  und  nach  seinem  Verkehr  mit
Napoleon  II.  in  „Avignon  gepflückt  hatte,  um  ihn  der  Volkspartei
als  Friedenszeichen  zu  bieten.“  Die  Opposition  hatte  sich  in  ihm
auch  getäuscht  und  ihm  nichts  weniger  als  die  Kraft  zur  Ausführung
  der  Programme  zugetraut,  welche  ihm  die  Zeitungen
während  des  Juli  und  August  zuschrieben.  Sein  Feuerwerk  verpufite
  daher  wirkungslos  vor  der  Budgetconmission  und  die
Garben  der  flüchtigen  Leuchtkugeln  zerknatterten  mit  der
Berufung  auf  die  Lösung  der  deutschen  Frage  „durch  Blut  und
öisen“  und  mit  der  Verdächtigung  der  Überzahl  von  „catilinarischen
  Existenzen,  die  ein  Interesse  an  Umwälzungen  haben.“

Wo  finden  wir  also  endlich  einen  Jachenden,  sammelnden  und
befreienden  Lichtblick  in  den  Reden  des  deutschen  Kanzlers?
Man  rühmt  die  aufgeräumte  Stimmung,  die  er  seit  den  Tagen
des  norddeutschen  Bundes  in  seinen  parlamentarischen  Sonnabendserholungen
  gezeigt  haben  soll.  Nachdem  aber  die
Nationalliberalen  durch  Anekdoten  innerer  Politik  hinreichend
vergnügt  waren,  nahm  die  Unterhaltung  in  diesen  Soircen  einen
immer  düsteren  Charakter  an.  Das  geflügelte  Wort:  „das
Bischen  Herzegowina“  wurde  von  der  wachsenden  Verwicklung
im  Orient  bald  überholt;  dann  warf  die  Eisenbahnpolitik  des
Kanzlers  ihren  Schatten  über  den  nationalliberalen  Gesellschaftstisch;
  vor  dem  Weihnachtsabend  des  Jahres  1878  kündigte  der
Minister  seinen  Freunden  die  Überraschung  durch  die  „Wald-