Das  preussisch-russische  Verhältniss.  83

teufel“  seiner  neuen  Zolltarife  an;  dazwischen  erschreckte  der
Mächtige  die  Gäste  mit  seinen  Nachrichten  von  der  Krankheit
einzelner  Minister,  die  dann  nicht  verfehlten,  diese  ärztliche
Prognose  durch  ihr  politisches  Absterben  zu  bestätigen.

Überall  also  prasselnde,  knatternde,  selbst  todverkündende
Blitze,  —  was  kann  also  in  den  Unterhaltungen  Bismarek’s  mit
Gortschakoff  die  Lachlust  des  Russen  erweckt  haben?  Dem
Letzteren  war  der  preussische  Gesandte,  als  derselbe  im  Sommer
1859  nach  Petersburg  kam,  nicht  unbekannt.  Beide  hatten,  bis
Gortschakoff  im  Sommer  1854  als  Botschafter  nach  Wien  kam,
am  Sitze  des  Bundestages  mit  einander  verkehrt  und  dem  Vertreter
  Russlands  wird  die  Reserve,  mit  welcher  sein  preussischer
College  Österreich  gegenüberstand,  nicht  verborgen  geblieben
sein.  Ihre  Unterhaltung  an  der  Newa  wird  sich  seit  dem
italienisch-französischen  Kriege  sofort  wieder  auf  Österreich  und
Italien  gerichtet  haben.  Mochte  auch  der  preussische  Gesandte
seinem  Selbstgefühl  zuweilen  in  humoristischen  oder  gewagten
Bildern  Luft  machen  und  den  russischen  Kanzler  ergötzen,  so
wird  der  Ernst  des  Geschäfts  nicht  gelitten  haben.  Beide
brauchten  einander;  Bismarck  hatte  einen  Rückhalt  für  einen
künftigen  Bruch  mit  Österreich  nöthig,  Gortschakoff  konnte  von
einem  preussisch-österreichischen  Zwist  Genugthuung  an  dem
Kaiserstaat  der  Donau  für  dessen  Unterstützung  Frankreichs  im
Krinikrieg  erwarten.  Die  Gleichzeitigkeit,  mit  welcher  Preussen
und  Russland  das  neue  Königreich  Italien  anerkannten,  beweist,
dass  auch  diese  Schöpfung  des  Jahres  1860  der  Gegenstand  ihrer
Besprechungen  war  und  dem  russischen  Kanzler  konnte  die  Berechnung,
  mit  welcher  Bismarck  seinen  eigenen  Hof  zu  einem  von
diesem  bisher  streng  versagten  Schritt  bewog,  nicht  unbekannt
geblieben  sein.

Beide  Staatsmänner  hatten  aber  in  ihren  Unterhaltungen
auch  noch  einen  Dienst  zu  berühren,  den  Bismarck  Russland  zu
leisten  hatte,  um  für  sein  eigenes  Werk  eine  feste  Grundlage  zu
schaffen.  An  seinem  Hofe  herrschte  noch  eine  „ziemliche
Verstimmung,“  wie  er  sich  selbst  in  seiner  Reichstagsrede  vom
21.  Februar  1879  ausdrückt,  gegen  diese  nordische  Macht.  Man
hatte  in  Berlin  nicht  die  Selbstmacht  vergessen,  mit  welcher
Kaiser  Nicolaus  1853  in  den  Krieg  gegen  die  Türkei  zog  und
dem  Vertreter  Englands,  als  er  demselben  seine  Disposition  über
die  Länder  der  hohen  Pforte  auseinandersetzte,  auf  die  Frage,

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