84  Das  preussisch-russische  Verhältnis.

was  Preussen  dazu  meinen  würde,  die  Zustimmung  desselben  als
sich  von  selbst  verstehend  voraussetzte.  Die  preussischen  Diplomaten,
  die  mit  der  neuen  Ära  des  Jahres  1858  aufkamen  und  mit
denen  Bismarck  selbst  bis  in  die  Zeiten  des  norddeutschen  Bundes
wirthschaftete,  hatten  sich  seit  dem  Jahre  1851  an  dem  von
Bethmann  -Hollweg  gegründeten  „preussischen  Wochenblatt“
betheiligt  und  dessen  antirussischen  Liberalismus  in  die  neue
Ära  verpflanzt.  Er  allein  brachte,  laut  dem  Ausdruck  jener
Reichstagsrede  „persönlich  bessere  Taditionen  in  Bezug  auf
Russland  aus  Petersburg  mit  nach  Berlin“  verlor  sein  Ziel  mitten
in  den  Stürmen  des  parlamentarischen  Conflikts  „nie  aus  den
Augen“  und  befestigte  an  seinem  Hofe  „jene  besseren  Beziehungen
zu  Russland“  1863  durch  den  Vertrag  gegen  den  polnischen
Aufstand.  Zwei  Jahre  darauf  pflückte  er  die  von  ihm  mit  Mühe
und  unter  heissem  parlamentarischem  Kampf  aufgezogene  Frucht
und  in  der  Sitzung  des  preussischen  Abgeordnetenhauses  vom
1.  Juni  1865  konnte  er  seinen  Gegnern  zurufen:  „die  russische
Convention  hat  uns  in  der  dänischen  Frage  nichts  geschadet
und  es  ist  nicht  zweifelhaft,  ob  ohne  diesen  Vorgang  das  Verhältniss
  Russlands  zu  uns  für  alle  vergangenen  und  zukünftigen
Phasen  dieser  Frage  so  freundschaftlich  sein  würde,  als  es  ist.“

Dieselben  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  Bussland  erleichterten
  Bismarck  den  Schlag  gegen  den  deutschen  Bundestag
und  die  Kriegserklärung  gegen  Österreich;  aber  Gortschakofl
lachte  über  die  grossen  Pläne,  lachte  über  die  Einbildung  des
Preussen,  der  aus  eigener  Macht  die  politische  und  territoriale
Gestalt  des  Festlandes  umändern  wollte.  Der  Tag  von  Königgrätz
machte  ihn  jedoch  sehr  gedankenvoll  und  trübte  seine  Stimmung.
Er  hatte  sich  wie  Napoleon  III.  verrechnet,  wenigstens,  wenn
keine  preussische  Niederlage,  doch  einen  langen  Kampf  zwischen
den  beiden  Gegnern  des  Jahres  1866  erwartet,  eine  diplomatische
Intervention  Russlands  für  unausbleiblich  gehalten  und  am  Schluss.
dieser  Phantasie  stand  ihm  das  Bild,  in  welchem  Russland  als
Ordner  eines  neuen  Europa’s  und  als  wohlwollender  Protector
eines  mässig  arrondirten  Preussens  glänzte.

Bismarck  beschwor  diesen  Sturm  durch  die  Beschleunigung
der  Fried  terhandlungen  und  durch  die  Sendung  des  Generals
Manteuffel,  der  als  Bote  seines  Königs  und  als  vertrauter
Dollmetscher  von  dessen  Gesinnungen  den  Zaren  in  Petersburg  von