Das  preussisch-russische  Verhältnis.  85

den  Diensten  überzeugte,  die  ihm  eine  Erweiterung  der  deutschen
Macht  Preussens  leisten  könne.

Der  Sieg  des  preussischen  Premierministers  über  einen
Diplomaten,  mit  dem  er  seit-1859  an  der  Newa  die  zukünftige
Gestalt  Europas  erwogen  und  den  er  in  den  polnischen  Wirren
unterstützt  hatte,  ist  der  Schluss  einer  hundertjährigen  Geschichte
und  zugleich.  die  Einleitung  zu  einer  neuen  Phase  der  gegenseitigen
  Verhältnisse  zwischen  Preussen  und  Russland.  Bismarck
hatte  nichts  Neues  und  Originales  geschaffen,  als  er  freundliche
Beziehungen  zu  Russland  von  Petersburg  nach  Berlin  brachte,
denn  das  Jahr  1815  hatte  die  russische  Freundschaft  für  die
Könige  Friedrich  Wilhelm  III.  und  IV.  zum  Grundgesetz  ihrer
Politik  gemacht.  Der  siebenjährige  Krieg  hatte  das  freundschaftliche
  Verhältniss  beider  Staaten  geboren,  ihr  Zusammenwirken
  eingeleitet  und  Preussen  für  dasselbe  erzogen.  Im  Juli
und  August  1866  regten  sich  dagegen  die  Keime  einer  Rivalität,
die  Gortschakoff  sehr  wohl  erkannte  und  durch  seinen  Inter:
ventionsversuch  nach  dem  Tage  von  Sadowa  ersticken  wollte,
aber  sein  preussischer  Gegner  gewann  doch  so  weit  die  Oberhand,
  dass  er  ihn  zwang,  Preussen  die  grössere  deutsche  Basis
zuzugestehen,  auf  welcher  es  sich  zu  ferneren  Emancipationsversuchen
  aufschwingen  konnte.

Die  Erziehung  Preussens  für  russische  Zwecke  begann  im
siebenjährigen  Krieg  schon  unter  Elisabeth.  Die  Kaiserin,
keineswegs  die  kleinliche  und  weibische  Feindin  Friedrich’s,  als
welche  sie  der  Überlieferung  gilt  und  als  die  sie  der  König
selbst  in  seinen  Briefen  und  Unterhaltungen  darzustellen  liebte,
hatte  eben  so  wenig  wie  der  Versailler  Hof  Lust  dazu,  durch
eine  grosse  strategische  Kriegsführung  Österreich  zur  Herrschaft
in  Deutschland  zu  erheben.  Sie  wollte  den  Feind,  gegen  den
sie  sich  mit  Maria  Theresie  verbunden  hatte,  nur  so  weit  durch
militärische  Schaustellungen  und,  wenn  es  noth  that,  durch
fühlbare  Treffer  bearbeiten,  dass  er  für  das  Vorschreiten  der
russischen  Politik  ungefährlich,  gefügig  und  womöglich  brauchbar
  ward.  Alle  ihre  Generale  von  Apraxin,  dem  Sieger  bei
Grossjägerndorf,  an  rückten  langsam  und  nur  zögernd  in  die
preussischen  Lande  ein.  Alle  von  Fermor  (1758)  an  benahmen
sich  iin  militärisch-diplomatischen  Verkehr  mit  den  österreichischen
und  französischen  Geschäftsträgern  verschlossen  wie  Apraxin,
behandelten  die  Vertreter  der  Verbündeten  wie  lästige,  aufge-