86  Das  preussisch-russische  Verhältnis.

drungene  Spione,  schwiegen  gegen  sie  über  ihre  Pläne  oder
hielten  sie  mit  Entwürfen  hin,  denen  man  es  ansah,  dass  es  ihnen
mit  denselben  nicht  Ernst  war.  Soltikow  war  nach  dem  vernichtenden
  Sieg  bei  Kunersdorf  (1759)  nicht  dazu  zu  bewegen,
den  Sieg  zu  verfolgen.  Butturlin  (1761)  begnügte  sich  damit,
unthätig  vor  Friedrich's  Lager  von  Buntzelwitz  liegen  zu  bleiben;
wenn  Laudon  ins  russische  Hauptquartier  kam,  um  zu  einen
Beschluss  zu  treiben,  bewies  ihm  Jeder  die  grösste  Achtung,
that  Jeder,  als  ob  er  seiner  Meinung  sei,  noch  ehe  sie  ausgesprochen
  war,  allein  keiner  der  vereinbarten  Beschlüsse  ward
ausgeführt.  Die  grossen  Worte  der  Geschichtsbücher  über  den
Schrecken,  welchen  den  Russen  ihre  eignen  Siege  oder  die  Verschanzungen
  jenes  Lagers  einflössten,  sind  sehr  übel  angebracht
und  auf  preussischer  Seite  unbillig.  Alle  jene  Generale  von
Fermor  an  bekamen  im  Sommer  Befehle  zu  einer  lebhaften  und
kräftigen  Kriegführung  oder,  unter  Androhung  des  kaiserlichen
Unwillens,  die  Anweisung,  sich  mit  den  verbündeten  Mächten  in
Einvernuchmen  zu  setzen  und  durch  energische  Maassregeln  den
Klagen  derselben  für  die  Zukunft  vorzubeugen.  Kaum  aber
waren  sie  nach  Polen,  wo  sie  ihre  Winterquartiere  bezogen,
zurückgekehrt,  als  sie  kaiserliche  Belobungsschreiben  für  die
Schonung  der  Truppen  und  hohe  Orden  erhielten.

Polen  hatte  Elisabeth  im  Auge,  hier  wollte  sie  Russland
heimisch  machen  und  zugleich  den  Einfluss  Friedrichs  beseitigen.
Als  die  Aggression  Friedrichs  mit  der  Schlacht  bei  Prag
(6.  Mai  1757)  den  Höhepunkt  erreichte,  fürchtete  man  bereits
in  Versailles  den  Abfall  der  deutschen  Reichsfürsten  von  ihrem
kaiserlichen  Oberhaupt  und  die  Schilderhebung  für  Friedrich,
sowie  die  Erklärung  der  Polen  für  den  Letzteren.  Dieser  Wendung
  wollte  Elisabeth  entgegenarbeiten  und  ihren  Plan  nahm
auch  Katharina  wieder  auf,  jedoch  mit  dem  Zusatz,  dass  sie
ihn  nach  dem  Sturz  ihres  Gemahls,  Peters  ILI.,  mit  der  freundschaftlichen
  Stellung  zu  Friedrich  vereinigte  und  diesen  an  ihrer
Hand  und  unter  ihrer  Leitung  in  die  polnischen  Angelegenheiten
  einführen  wollte.

In  diesem  Sinne  machte  sich  Friedrich  I.  im  Jahr  1764
zum  Mitgaranten  der  polnischen  Anarchie  und  verpflichtete  sich,
in  Gemeinschaft  mit  ihr  die  Umwandlung  der  Wahlnonarchie
in  ein  erbliches  Königthum  zu  verhindern.  Zwar  hatte  der
König  bald  darauf  Anlass,  über  den  Druck  der  kaiserlichen