Das  preussisch-russische  Verhältnisa.  89

dass  sie  zu  dem  Hertzberg’schen  Entschädigungsplan  ihre  Theilnahme
  versagen  müssten.

Bisher  hatten  Preussens  Freunde,  die  Polen  und  die  Türkei,
erfahren,  welchen  John  es  für  seine  Fürsprache  in  Anspruch
nehme,  jetzt  sahen  sie,  dass  seine  Gegner  bei  einiger  Herzhaftigkeit
  und  geschäftlicher  Gewandtheit  besser  als  seine
Schützlinge  davon  kamen.

Der  König  war  nicht  weniger  verstimmt  wie  die  Polen;  er
konnte  die  Kälte,  welche  sie  seinem,  so  lange  Österreich  und
die  Türkei  die  rechte  Unterlage  noch  nicht  herbeigeschafft  hatten,
bodenlosen  Tauschverlangen  entgegenbrachten,  nicht  verschmerzen,
und  die  Erinnerung  an  diese  „Undankbarkeit“  gab  der  Freundlichkeit,
  mit  der  er  dem  Kurfürsten  von  Sachsen,  dem  erkornen
Träger  der  von  der  Constitution  des  3.  Mai  1791  geschaffenen
erblichen  Krone  Polens  Glück  wünschte,  den  Beigeschmack
einer  frostigen  Höflichkeit.  Die  unglückliche  Republik  ward  für
ihn  der  Gegenstand  einer  kühlen  Erwägung  und  politischen
Berechnung.

So  wurde  es  Katharinen  leicht,  die  Fäden  ihrer  überlegnen
Berechnung  nach  ihm  auszuwerfen  und  ihn  zu  umgarnen,  ‚und
es  begann  das  Spiel  jener  Kunst,  deren  macchiavellistischen
Charakter  die  neueren  deutsch-nationalen  Historiker  nicht  lebhaft
genug  beklagen  und  endlich  verdammen  können.

Der  König  hatte  das  kalte  Liebeswerk,  aus  welchem  das
erneuerte  und  angeblich  verstärkte  Polen  hervorging,  gegen
Russland  selbst  gerichtet;  —  ist  es  also  bösartige  Intrigue,  wenn
sie  ihn  diesem  Erzeugniss  einer  oberflächlichen,  von  Amsterdam
und  Brüssel  bis  Constantinopel  sich  ausbreitenden  Vielthätigkeit
allmälig  abspenstig  machte?  War  es  Arglist,  wenn  sie  Preussens
Interesse  besser  als  dieses  selbst  verstand  und  ihren  Nachbar
darüber  aufklärte,  dass  die  fernere  und  durch  Hertzbergs  gellende
Formel  selbst  zum  europäischen  Gespräch  erhobene  Theilung
Polens  ihm  vortheilhafter  wäre  als  der  ungewisse  Versuch,  es
durch  einen  Kurfürsten  des  römischen  Reichs  zu  stärken?

War  es  ein  infernales  Spiel,  dass  Katharina,  während  nach
dem  Jassyer  Frieden  vom  9.  Januar  1792  ihre  Heere  von  der
Donau  sich  nach  Polen  in  Bewegung  setzten,  um  der  neuen
polnischen  Verfassung  ein  Ende  zu  machen,  in  Berlin  durch  das
Versprechen  einer  Theilung  die  Überzeugung  erweckte,  dass  die