90  Das  preussisch-russische  Verhältnisse.

Verfügung  Russlands  über  Polen  für  Preussen  lohnender  sei  als
die  unfruchtbare  Werbung  um  ein  paar  Weichselstädte.

Man  war  in  Berlin  froh,  die  polnische  Allianz  los  zu  sein,
liess  Russland  in  Polen  schalten  und  walten,  hütete  sich  auch,
durch  Östereichs  schwache  Bemühungen  für  die  Erhaltung  der
Republik  sich  irre  machen  zu  lassen,  und  fand  es  bequemer,  mit
der  Zarin  ein  gutes  Einvernehmen  zu  pflegen.

Jedoch  musste  für  den  ersten  ernstlichen  Schritt  auch  die
Zustimmung  des  alliirten  Österreich  gesucht  werden  und  Preussen
konnte  für  diese  Anregung  der  Frage  keinen  ungünstigeren
Augenblick  auffinden,  als  derjenige  war,  den  es  in  seiner  misslichen
  Lage  endlich  wählte.  Es  war  nach  dem  Schluss  eines
ohne  alle  strategischen  Rücksichten  angelegten  Feldzugs,  nach
dem  Rückzug  der  entmuthigten  und  so  gut  wie  aufgelösten
preussischen  Armee  aus  der  Champagne,  in  dem  ersten  deutschen
Ort,  den  man  bei  Luxemburg  wieder  berührte,  dass  die  preussische
Diplomatie  für  die  kriegerischen  Opfer  und  Anstrengungen
ihres  Landes  eine  Entschädigung  in  Polen  verlangte.  Sie  wollte,
ehe  sich  Preussen  zu  neuen  Anstrengungen  für  den  Krieg
im  Westen  entschlösse,  von  Österreich  und  Russland  eines
reichlichen  Antheils  von  Polen  zur  sofortigen  Besitznahme
versichert  sein.

So  eröffnete  Preussen  das  Schauspiel,  welches  die  beiden
gegen  einander  misstrauischen  und  aufgebrachten  deutschen  Mächte
mit  ihrem  Buhlen  um  die  Gunst  der  Zarin  darbieten,  die  sie
beide  mit  ihrem  Wetteifer  zur  Schiedsrichterin  über  ihre  Ansprüche
  auf  die  letzten  Stücke  der  polnischen  Beute  erhoben.
Für  Preussen  insbesondere  war  es  demüthigend,  dass  der  Donner
vor  den  Wällen  von  Praga  den  „Anstrengungen“  seiner  Armee
am  Rhein,  wo  die  Blicke  der  Anführer  immer  auf  Polen  gerichtet
waren,  ein  Ende  und  die  Bemühungen  seiner  Generäle  in  Polen
überflüssig  machte.  Suwarow’s  Schreiben  vom  5.  November  1794
an  Friedrich  Wilhelm  II:  „Praga  raucht,  Warschau  zittert.  Auf
den  Wällen  von  Praga.  Suwarow,“  wirkte  in  Berlin  wie  ein
Donnerschlag.

Die  revolutionäre  Laufbahn  Friedrich  Wilhelm’s  war  längst
beendet;  dafür  hatte  sie  Katharina  betreten,  indem  sie  eine
aristokratische  Republik  niederwarf  und,  geschickter,  geduldiger
und  nachhaltiger  wirkend  als  der  französische  Wohlfahrtsaus-