92  Das  preussisch-russische  Verhältnis.

durch  immer  weiteres  Vorgehen  sicher  stellen.  Diese  innere
Unsicherheit  jagte  ihm  den  Hunger  nach  Allem  ein  und  trieb
ihn  in  die  Eisfelder  Russlands.  Sobald  er,  wie  gegenüber  dem
spanisch-englischen  Hcer  Ausdauer  und  Unermüdetheit  und  in
Russland  das  neue  Schauspiel  fand,  dass  ein  Heer  auch  auf
dem  Rückzuge  focht  und  dass  ein  Fürst  trotz  der  feindlichen
Besetzung  seiner  Hauptstadt  sich  zum  Frieden  nicht  herabliess,
war  er  verloren.

Sein  schnell  und  flüchtig  zusammengeschweisstes  Reich  fiel’
eben  so  schnell  wie  er  selbst  zusamınen,  weil  er  es  zum  Gut
nur  Einer  nationalen  Hoheit  und  zu  einem  bonapartistischen
Familienbesitz  hatte  machen  wollen.  Weder  jener  Name,  noch
die  französische  Nationalität  konnten  einer  solchen  Überspanntheit
die  Dauer  verleihen.

Russland  hatte  es  dagegen  verstanden,  auf  seinem  Vorschreiten
  nach  dem  Westen  zwei  Mächte,  Preussen  ‘und  Österreich,
  in  sein  Interesse  zu  ziehen  und  dieselben  sich  durch  ihren
Antheil  an  der  polnischen  Beute  zu  verpflichten;  ausserdem
kamen  ihm  im  Westen  und  Süden  die  verwandten  slavischen
Stämme  entgegen.  Frankreich  war  bei  seiner  romanischen
Überhebung  jener  Politik  nicht  fähig  gewesen  und  konnte  jenseits
des  Rheins  an  keine  verwandten  Elemente  anknüpfen.

Bekanntlich  führte  Kaiser  Alexander  I.  nach  dem  Fall
Napolcon’s  I.  die  Idee,  welche  Friedrich  II.  bei  Katharinen
angeregt  hatte,  in  grossem  Maassstabe  aus.  Die  Vertreter  Russlands
  bei  mehreren  deutschen  Höfen  waren  seitdem,  nach  dem
Zeugniss  der  Geschichte  und  nach  der  theoretischen  Zurechtlegung
  der  im  Urquhartschen  Portfolio  veröffentlichten  Denkschrift
  des  Pentarchisten,  dazu  bestimmt,  den  Einfluss  Russlands
auf  die  deutschen  Verhältnisse  und  den  Glauben  an  seine
schiedsrichterliche  Stellung  zwischen  den  beiden  deutschen  Grossmächten
  und  zwischen  diesen  und  den  deutschen  Mittelstaaten
zu  erhalten.

Die  Erfahrung,  welche  der  König  von  Hannover  mit  seinem
Hilfsgesuch  beim  Kaiser  Alexander  II.  nach  den  Nikolsburger
Festsetzungen  machte,  beweist,  dass  Russland  ein  sichtbares
Herantreten  seines  früheren  Einflusses  in  deutsche  Verhältnisse
gegenüber  der  Bismarck’schen  Dietatur  für  unfruchtbar  und
nutzlos  hielt.  Ihm  genügte  als  Ersatz  die  Überwachung  Österreichs
  durch  Preussen;  für  diese  Unterbindung  seines  Rivalen