Das  preussisch  -russische  Verhältniss.  99

an  der  untern  Donau  und  in  Stambul  opferte  es  gem  eine  Einwirkung
  auf  die  deutschen  Mittelstaaten,  die  bei  den  erweiterten
politischen  Verhältnissen  doch  nur  zu  kleinen  Triumphen  führen
konnte,  und  vergalt  Preussen  seine  Dienste  an  Österreich  durch
die  Bewachung  desselben  im  Krieg  des  Jahres  1870.

Aber  hier  erfuhr  es  ebenso  schnell  die  Enttäuschung,  die
esınit  Napoleon  III.  im  deutschen  Krieg  von  1866  erlitten  hatte.
Die  schnellen  Siege  der  deutschen  Waffen  und  der  Sturz  des
Kaisers  der  Franzosen  in  den  ersten  Wochen  des  Feldzugs
machten  durch  seine  Rechnung  einen  Strich.  Es  hatte  Frankreichs
  militärische  Kraft  überschätzt,  einen  langen  Feldzug  und
eine  Ermattung  der  beiderseitigen  Kräfte  erwartet,  die  ihn  an
der  Spitze  der  Neutralen  den  Schiedsspruch  übertragen  hätte.

Schon  nach  der  Königgrätzer  Überraschung  und  nach  dem
Scheitern  seines  Versuchs,  den  Folgen  derselben  durch  eine
diplomatische  Interventive  Halt  zu  gebieten,  hatte  Gortschakoft
in  einem  Rundschreiben  vom  30.  August  1866  Angesichts  des
Zerfalls  der  europäischen  Solidarität  für  Russland  die  Freiheit
in  Anspruch  genommen  und  das  nationale  Interesse  zur  einzigen
Richtschnur  seines  Verhaltens  erhoben.  Jetzt  holte  er  nach,
was  er  damals  noch  nicht  leisten  konnte  und  in  seinem  Rundschreiben
  vom  31.  October  1870  kündigte  er  die  Bestimmung
des  Pariser  Vertrags  von  1856,  welche  Russlands  Macht  auf  dem
schwarzen  Meer  einschränkte.  Preussen  wurde,  wie  sich  Bismarck
gegen  den  englischen  Bevollmächtigten  in  Versailles  erklärte,
durch  diesen  Schritt  „unangenehm  überrascht,“  es  hatte  keine
vorhergehende  Anzeige  von  diesem  Bruch  in  die  Verträge  erhalten.

Gleichzeitig  schickte  der  russische  Kanzler  an  die  republikanische
  Regierung  zu  Tours  eine  Note  und  liess  deren
F  rsicherungen  durch  den  Geschüftsträger  vor  dem
damaligen  Leiter  der  auswärtigen  Angelegenheiten,  Grafen
Chaudordy  dahin  erläutern,  dass  die  Interessen  Frankreichs
und  Russlands  dieselben  seien  und  nothwendig  zu  einer  dauerhaften
  Allianz  führen  müssten.

So  ward  damals  schon,  unter  den  Mauern  von  Paris,  der
gegenwärtige  Zwist  zwischen  Gortschakoff  und  Bismarck  eingeleitet.
  Nach  Königgrätz  wurde  er  angekündigt  und  durch  den
Kaiser  von  Russland  noch  beigelegt;  in  diesem  Augenblick  hat
er  den  Schein  eines  Bruchs  zwischen  Preussen  und  Russland
angenommen.