94  Das  preussisch  -russische  Verhältnisse.

Friedrich  II.  schrieb  einmal  an  seinen  Bruder  Heinrich,  als
er  eines  jener  imperatorischen  Schreiben  der  Kaiserin  Katharina
erhalten  hatte:  „beim  Lesen  fühlte  ich  mir  Hörner  wachsen.“
Jetzt  stehen  sich  Russland  und  Preussen  wie  jene  mächtigen
Riesenthiere,  die  Bilder  der  Weltreiche,  gegenüber,  denen  im
Buche  Daniel  Hörner  auf  die  Stim  wachsen.  Am  Schluss
unserer  Orientirung  werden  wir  darstellen,  wie  die  Hörner  der
Gegenwart  aufgewachsen  sind,  und  untersuchen,  ob  und  wie  es
zum  gegenseitigen  Stoss  kommen  wird.  Zunächst  werden  wir
die  neue  Ära  unsrer  Heimath,  die  in  solche  Stosswerkzeuge
ausmündet,  noch  im  Detail  ihrer  innern  Productivität  schildern.

X.
Ruhm  und  Hunger.

Unter  den  grossen  Worten,  mit  denen  der  Beginn  der  neuen
Ära,  die  Schlacht  bei  Königgrätz,  begrüsst  wurde,  befand  sich
auch  die  Eloge  für  das  preussische  Volk,  dass  es  sich  seine
Grösse  „erhungert“  habe.  Das  Wort  machte  Eindruck  und
kan  olıne  Prüfung  in  Umlauf.  Diejenigen,  die  soeben  aus  der
Confliktszeit  kamen  und  die  königliche  und  ministerielle  Schöpfung
der  Arınce,  dieses  Werkzeugs  von  Königgrätz,  bekämpft  hatten,
liessen  das  Wort  passiren.  Sie  hatten  sich  dem  Sieger  unterworfen
  und  dachten  nicht  mehr  gern  daran,  dass  ihre  Freunde
und  Wähler,  grosse  bürgerliche  Körperschaften,  noch  in  den
letzten  Augenblicken  vor  dem  Kriege  in  dringlichen  Gesuchen
um  Erhaltung  des  Friedens  eingekommen  waren.  Aus  Streitern
in  Helfer  und  Verchrer  der  Macht  verwandelt,  vergassen  sie,
dass  die  Erhöhung  der  Steuern  gegen  ihren  Einspruch  dem  Volke
aufgelegt  und  die  Entsagung  des  Letzteren  auf  Alles,  was  über
den  nothwendigen  Lebensunterhalt  hinausging,  keine  freiwillige,
noch  patriotisch-verdienstliche  war.

Nur  Ludwig  Bamberger  erlaubte  sich  später,  in  seiner  Schrift
vom  Jahre  1868,  das  Bedauern  darüber  auszusprechen,  dass  die
„Wiedergeburt  Deutschlands  unter  den  Auspicien  des  persönlichen
Königsthums  anheben  musste“,  gab  aber  diesem  Gedanken  keine
weitere  Folgen  und  entschuldigte  das  „Bedauernswerthe‘‘  mit
der  „Zerrissenheit‘‘  Deutschlands,  welches  jene  Dazwischenkunft