86  Rahm  und  Hunger.

werkes  über  die  drei  letzten  Regenten,  die  er  in  seiner  Schrift
schildert,  vom  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  bis  zum  König  Friedrich
Wilhelm  I.  ausgesprochen  hatte,  verhinderte  es  auch  nicht,  dass
er  zu  dem  Kreise  hinzugezogen  wurde,  welchen  die  Königin  Luise
um  sich  versammelte.

In  diesem  letzten,  dem  sechsten,  zu  Königsberg  1800  erschienen
  Bande  seines  durch  archivalische  Studien  und  allgemeine
Culturbilder  ausgezeichneten  Werkes  sind,  es  nun  ein  Paar
Stellen,  die  uns  zum  Übergang  auf  die  Gegenwart  als  Führer
dienen  werden.

Über  die  zweite  Hälfte  der  Regierung  des  genannten  Kurfürsten,
  die  nach  der  Befreiung  des  llerzogthums  Preussen  von
der  polnischen  Oberlelinsherrlichkeit  begann,  schreibt  er:  „Seine
alten  Räthe,  bekannt  mit  den  wechselseitigen  Verpflichtungen
des  I,andes  und  des  Fürsten,  verliessen  ihn  oder  starben.  Neue
Menschen,  aufgewachsen  in  der  Denkungsart  ihres  Fürsten,
wurden  einseitige  Rathgeber.  Sie  unterschieden  den  Fürsten
vom  Staat  und  glaubten,  indem  sie  den  Unterthanen  den  Antheil
an  der  Gesetzgebung  und  dem  Besteuerungsrechte  raubten  und
hierdurch  zugleich  die  Hauptquelle  des  Patriotismus  ableiteten,
mit  der  Alleinherrschaft  des  Fürsten  die  Macht  des  Staats  unbezweifelt
  zu  mehren.“

„Überzeugt,  viel  ausgerichtet  zu  haben,  wähnte  der  Kurfürst
jetzt  Alles  ausrichten  zu  können.  Nicht  zufrieden  mit  der  einmal
  erlangten  Grösse,  wollte  er  überall  glänzen,  gleich  den
grössten  Fürsten  Europa’s  überall  Antheil  nehmen  und  gleich
einem  Ludwig  XIV.  neuen  Zuwachs  an  Macht  gründen.  Daher
jene  Menge  von  Gesandtschaften  ohne  Zweck;  Bündnisse,  von
deren  Unnützlichkeit  ihn  selbst  nicht  einmal  wiederholte  Täuschungen
überzeugten;  ein  Militär,  das  mit  seinem  Einkommen  und  der
Bevölkerung  seiner  Staaten  in  keinem  Verhältniss  stand;  hohe
Chargen  in  Civil  und  Militär  und  kostbare  Sceunternehmungen
zur  Beförderung  des  äusseren  Glanzes;:  und  weil  cs  hierzu
beständig  an  Geld  gebrach,  Ergreifung  auch  des  zweckwidrigsten
  Mittels,  um  solches  herbeizuschaften.“

„Bei  der  Idee  von  der  Grösse  seiner  Pläne,  betrachtete  er
die  Menschen  nur  als  Hilfsmittel  seiner  Absichten;  lernte  sie
allmälig  geringschätzen;  opferte  sie  unnützen  Kriegen  auf;  liess
sich  Menschenblut  durch  Subsidien  bezahlen  und  wurde  gegen
ihr  Elend  und  ihre  Klagen  so  gleichgiltig  wie  gegen  ilır  Urtheil.