Ruhm  und  Hunger.  97
Er  verminderte  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  die  Achtung
der  Nachwelt  und  zugleich  die  Liebe  und  den  Wohlstand
seiner  Unterthanen  nach  dem  Verhältniss,  wie  er  seine  Kriegs.
macht  und  seine  eigene  Macht  vermehrte.  Dass  ohne  dies:
Letztere  Preussen  minder  gross  geworden  wäre,  ist  gewiss,
ob  es  minder  glücklich  geblieben  wäre,  freilich  unentschieden.
Aber  wenn  wir  auf  das  Schicksal  Polens  zurückblicken,  so  scheint
die  veränderte  Staatsverfassung,  der  wir  bei  innerer  Stärke  auch
innere  Ruhe-  verdanken,  unser  heutiges  Glück  befördert  zu  haben,
wenngleich  sie  unseren  Vorfahren  unter  anderen  Staatsverhältnissen
  höchst  unwillkommen  war.“

Mit  einer  ähnlichen  Reflexion  über  die  Opfer  und  Entbehrungen,
  welchen  die  Vorfahren  sich  zum  Besten  der  Nachkommen
  unterziehen  mussten,  schliesst  Baczko  seine  Schilderung
des  von  Friedrich  Wilhelm  I.  gegründeten  Militärstaats.  Nachdem
  er  die  Zwei  und  ein  Viertel  Millionen  Unterthanen  dieses
Fürsten,  die  eine  Armee  von  78,000  Mann  unterhalten  mussten,
mit  einer  „Brüdergemeinde“  verglichen,  „bei  welcher  Fleiss,
Unterwürfigkeit  und  stille  Schwermuth  die  herrschenden
Charakterzüge  sind“,  bemerkt  er  wieder,  dass  die  Grösse  des
preussischen  Staates  und  die  Sicherheit  der  Nachkommen  „auf
eine  Weise  grgründet  wurde,  die  Manchen  unserer  Voreltern
schwer  und  schmerzlich  wurde.“  Bei  alledem  hält  er  es  aber
für  nothwendig,  dass  „wie  das  Gute,  so  auch  das  Böse  zunı
warnenden  Beispiel  für  Gegenwart  und  Zukunft  oflen
da  liegen  möge.“

Das  Böse,  schreibt  er  —  „es  mag  bei  der  Reizbarkeit  unseres
Zeitalters  die  Unzufriedenen  belehren,  dass  nicht  ohne  beigemischte
  Bitterkeit  bei  unseren  Vorfahren  das  Gute  gebildet
ward,  dessen  sich  jetzt  die  Enkel  erfreuen,  und  auf  der  anderen
Seite  den  Gedanken  erwecken,  dass  vor  dem  Richterstuhl  der
Nachwelt  nachtheilige  Mittel  zur  Erreichung  eines  guten
Zweckes  niemals  übersehen  oder  vergessen  werden  können.“

War  denn  aber,  fragen  wir,  indem  wir  an  diese  bedeutungsvollen
  Sätze  anknüpfen,  nun  endlich  einmal  der  Augenblick
gekommen,  wo  die  Enkel  die  mit  den  Entbehrungen  und  Opfern
der  Vorfahren  erkaufte  Grösse  „ohne  Bitterkeit"  geniessen,
zum  Athemholen  und  zur  Gründung  eines  sicheren  Wohlstandes
gelangen  können?

Musste  nicht  vielmehr  Friedrich  I.  das  in  vernichtenden

Bauer,  Bismarck’sche  Ära.  7