Ruhm  und  Hunger.  101

standes  und  der  bürgerlichen  Klagen  kommen,  noch  einen  wichtigen
  Umstand  zu  berühren.  Er  ist  die  Mitschuld  der  bürgerlichen
  Kreise.

Jene  Landleute  und  städtischen  Handwerker,  welche  Friedrich
Wilhelm  I.  enrolliren  liess,  haben  sich,  um  jenen  Königgrätzer
Ausdruck  zu  gebrauchen,  die  Ehre,  einer  Armee  anzugehören,  in
deren  Angebinde  eine  Reihe  künftiger  Siege  lag,  nicht  erhungert.
Im  harten  Kampf  mit  ihrem  undankbaren  Boden  konnten  sie
keinen  Sparpfennig  für  künftige  Wagnisse  und  Abenteuer  zurücklegen
  und  sich  nur  für  ihren  Hausgebrauch  zu  hartnäckigen  und
ausdauernden  Werkleuten  ausbilden.  Nur  Friedrich  Wilhelm
erkannte  die  Brauchbarkeit  dieses  Materials  für  seine  Königszwecke,
  fasste  die  Jugend  bis  auf  den  letzten  Mann  zusammen
und  liess  die  Alten  dann  für  die  Erhaltung  derselben  arbeiten.

Mit  Friedrich  I.,  dem  Erben  der  kriegsbereiten  Stiftung
seines  Vaters,  kam  indessen  ein  anderer  Hunger,  —  der  des
Geistes  und  der  Imagination  auf  den  Thron.  Dieser  König
stellte  schon  in  seinen  ersten  Schriften  den  Satz  auf,  dass  Preussen
seine  natürlichen  Grenzen  noch  fehlen  und  erst  zu  gewinnen
seien,  und  handelte  danach.  Er  beackerte  mit  dem  Schwert  den
Boden  seiner  Nachbarn  und  düngte  ihn  mit  dem  Blut  seiner
Unterthanen.  Auf  seinen  Schlachtfeldern,  hoffte  er,  sollten  die
Nachkommen,  soweit  er  das  Werk  nicht  selbst  vollenden  konnte,
die  Pfähle  für  die  natürlichen  Grenzen  Preussens  einschlagen.

Wir  haben  in  einigen  der  vorhergehenden  Aufsätze  über
die  Bismarck’sche  Ära  den  Taumel  geschildert,  in  welchen  der
Ruhm  Friedrich's  den  Hof  und  die  Ratlıgeber  seines  Nachfolgers
versetzte.  Die,  gegenüber  der  steigenden  Macht  Frankreichs
geläbmte  Regierung  Friedrich  Wilhelm  II.  übte  sich  immer
noch  in  der  Ausmalung  der  natürlichen  Grenzen  der  Monarchie.
Massenbach  z.  B.  (siehe  den  dritten  Band  von  dessen  „Memoiren
zur  Geschichte  des  preussischen  Staats“)  legte  dem  König  im
Jahre  1800  eine  Denkschrift  vor,  in  welcher  er  die  „Acquisition‘
der  beiden  Lausitze  und  desjenigen  Theils  von  Böhmen,  welcher
auf  dem  rechten  Elbufer  liegt,  für  die  Erhaltung  des  Staates
als  nothwendig  bezeichnete.  Und  ganz  im  militärischen  Geiste
jenes  späteren  Feldprobstes  Offelsmeier,  der  demselben  König  in
der  Betreibung  der  evangelischen  Union  das  Auftreten  mit  schwerbeschlagenen
  Stulpenstiefeln  anrieth,  unterzog  sich  der  Feldprobat
des  Jahres  1800,  Kletschke,  der  Empfehlung  von  Massenbach's