102  Ruhm  und  Hunger.

Aufsatz,  verlangte  aber  die  Einziehung  aller  Lande  zwischen
Elbe  und  Weichsel  von  deren  Ursprung  an  bis  zu  ihrem  Ausfluss
in's  Meer,  die  Versetzung  der  dazwischen  liegenden  weltlichen
Fürstenhäuser  in’s  westliche  Deutschland  und  Österreichs  Entschädigung
  auf  Kosten  der  hohen  Pforte.

Allmälig  verbreiteten  sich  die  Zukunftsideen  des  Hofes  durch
den  Beamtenstand  auch  im  Publikum.  Der  Ruhm  der  Zeit
Friedrich's  II.,  welcher  die  Regierung  in  das  Wagniss  und  Unglück
  von  Jena  stürzte,  blähte  auch  den  Stolz  der  Nation  in's
Maasslose  auf.  Wie  die  Königin  Louise  zu  Tilsit  auf  die  Frage
Napoleon’s:  „Aber  wie  konnten  Sie  es  wagen,  mit  mir,  der  schon
so  mächtige  Nationen  besiegte,  Krieg  anzufangen?"  statt  des
schweigenden  Gemahls  antwortete:  „Sire,  dem  Ruhm  Friedrich’s
des  Grossen  war  es  wohl  erlaubt,  uns  über  unsere  Kräfte  zu
täuschen“,  —  so  galt  auch  der  Nation  der  Ruhm  jenes  Königs
als  Bürgschaft  für  die  Ausdehnung  ihrer  Grenzen  in  Deutschland.

Die  magern  Kernlande  der  Monarchie  waren  ringsherum  im
Westen  und  Süden  von  alten  Culturstätten  umgeben,  denen  sie
ausser  ihren  ordonnanzmässig  erbauten  und  auf  Commando  entstandenen
  Residenzen  nichts  Ähnliches  an  die  Seite  stellen
konnten.  Dieser  Gürtel  von  bürgerlichen  Gemeinwesen  oder
fürstlichen  Stiftungen  machte  auf  die  Zöglinge  des  Militärstaats
den  Eindruck  von  etwas  Fremdartigem  und  Feenhaftem,  welches
ihren  an  Ordonnanz  gewöhnten  Begriffen  widersprach  und  kaum
noch  existenz-berechtigt  schien.  Als  diese  reichen  Fluren  durch
den  Glückszufall  des  Luneviller  Friedens  der  Monarchie  zugewiesen
  wurden  und  während  sie  die  Regierung  zur  Anlegung
einer  höheren  Steuerrolle  dem  Kataster  unterwarf,  dachten  die
Bürger  der  alten  Lande:  Es  ist  ihnen  schon  recht,  dass  sie  nun
auch  erfahren,  was  Steuerzahlen  heisst,  was  wollten  sie  aber
auch  etwas  Besonderes  sein?

Der  alten  Bürgerschaft  eröffneten  endlich  die  Friedensschlüsse
von  1814  und  1815  ein  grosses  Arbeitsfeld.  Preussens  Theilnahme
  an  dem  Entscheidungskampfe,  den  ein  zwanzigjähriges
Ringen  Englands  und  Österreichs,  ein  viermaliges  Auftreten
Russlands  gegen  Frankreich  vorbereitet  hatten,  wurde  mit  den
Rheinlanden,  deren  Cultursitzen,  Naturschätzen  und  unter  der
Napoleonischen  Herrschaft  hergestellten  reichen  Communicationsmitteln
  belohnt.  Jetzt  konnten  die  alten  Lande  in  den  folgenden
fünfzig  Friedensjahren  zeigen,  was  sie  zu  erarbeiten  verstehen,  mit