106  Die  deutsche  Gewerbenoth  in  der  Bismarck’schen  Ära.

deutschen  Landesfürstenthümer  gegen  die  Erzeugnisse  der
Reichsstädte  absperrten,  —  endlich  des  Schlagbaums,  mit  welchem
die  deutschen  Genossen  der  Theilung  Polens  diesen  Absatz-Markt
  der  Reichsstädte  verschlossen,  sind  jetzt  die  Zollgesetze
Russlands  und  Nordamerikas  getreten.

Aber  dem  Verfall  und  Absterben  der  deutschen  Reichsstädte
waren  die  Leiden  des  dreissigjährigen  Kriegs  mit  seinen  Plünderungen
  durch  Fieund  und  Feind  vorangegangen.  Diese  Sitze
des  Fleisses  und  \Vohlstandes  waren  verarmt  und  verschuldet,
ihre  Strassen  verödet,  mehr  als  die  Hälfte  ihrer  Häuser  verlassen
oder  während  der  Kriegszeit  in  Feuer  aufgegangen.  Das  neue
deutsche  Reich  trat  dagegen  mit  einem  Sieg  über  Frankreich
in's  Leben  und  war  bei  seiner  Geburt  auf  Kosten  des  überwundenen
  Feindes  mit  einer  Entschädigungssumme  ausgestattet,
deren  Höhe  und  baarer  Bereitschaft  nur  die  Fabeln  der
Tausend  und  einen  Nacht  etwas  Ähnliches  zur  Seite  zu  setzen
hatten.

Noch  nie  war  eine  Armee  mit  der  Siegesgewissheit,  welche
die  deutschen  Heere  im  Juli  1870  beim  Aufbruch  gegen  Frankreich
  erfüllte,  in  den  Krieg  gezogen.  Man  war  überzeugt,  dass
der  Gegner  niedergeworfen  werden  und  dann  kein  Feind  mehr
in  der  Welt  es  wagen  würde,  das  einige  Deutschland  zu  beunrubigen.
  Man  sagte  bisher,  der  französische  Soldat  glaube  in
seinem  Tornister  den  Marschallsstab  zu  tragen;  das  Gepäck  des
deutschen  Kriegers  barg  etwas  Umfassenderes,  ein  Programm,
ein  Zukunftsbild  von  der  Grösse  des  Landes.

Nehmen  wir  von  den  zahlreichen,  in  den  beiden  Wochen
vor  und  nach  dem  letzten  Juli  verfassten  und  veröffentlichten
Flugschriften  die  erste  beste  zur  Hand,  z.  B.:  „wofür  wir
kämpfen“  von  Dr.  Karl  Rohrbach  (Gotha,  vom  1.  August  1870),
so  finden  wir  den  Ausdruck  der  allgemeinen  Überzeugung,  dass
der  gewisse  Sturz  des  „europäischen  Unruhestifters“  die  allgemeine
  Abrüstung  zur  Folge  haben  und  Deutschland,  als  das
ungestörte  Reich  des  Friedens  vom  Steuerdruck  befreit,  der
Pflege  seiner  geistigen  Güter  leben  und  Sitte,  Sprache  und
Kunst  von  den  eingedrungenen  fremden  Schlacken  befreien
werde.

Einige,  wie  Paulus  Cassel,  im  zweiten  Heft  seiner
„Deutschen  Reden  über  Deutschland  und  Frankreich,“  hoben  das
von  den  preussischen  Conservativen  gepflegte,  aber  in  ihrer