Die  deutsche  Gewerbenoth  in  der  Bismarck'schen  Ära.  107

absolutistischen  Haltung  während  der  Bismarck'schen  Conflictszeit
  preisgegebene  Stichwort  des  ächt  Germanischen  wieder
aus  dem  Staub  und  verkündigten  den  Verfall  des  Romanismus
und  die  Erstarkung  des  Germanismus.

Am  mässigsten,  am  bescheidensten  sprach  sich  der  Prediger
Müllensieffen,  Prediger  an  der  Marienkirche  zu  Berlin,  in
seiner  am  allgemeinen  Landesbettage,  den  27.  Juli  1870  gehaltenen
  und  dann  zum  Druck  gegebenen  Ansprache  aus.  Nachdem
  er  in  den  Ton  jener  Tage  eingestimmt  und  dem  „wunderbaren
  Erwachen  des  nationalen  Gemüths“  seine  Anerkennung
dargebracht  hatte,  wusste  er  von  der  Zeit  des  Norddeutschen
Bundes  nicht  das  Mindeste  zu  rühmen,  was  den  Angehörigen
  desselben  hätte  Anlass  geben  können,  sich  einer  geistigen
und  sittlichen  Überlegenheit  über  die  Gallier  und  Romanen
zu  rühmen.  Er  klagte  im  Gegentheil  darüber,  dass  der  „Odem
eines  neuen  Lebens,“  welcher  beim  Beginn  des  Kriegs  von  1866
über  „dem  ganzen  Volke  wehte,“  bald  wieder  geschwunden
und  an  seiner  Stelle  die  Jagd  nach  Reichthum  mit  allen  ihren
Gefahren  zur  Herrschaft  gekommen  sei.

Dagegen  trat  der  Redner  der  Berliner  Universität,  Professor
und  zeitiger  Rector,  Dubois-Reymond  mit  seiner  Festrede
vom  3.  August  1870  gleichsam  gestiefelt  und  gespornt  auf,
nannte  die  Berliner  Universität  „das  geistige  Leibregiment  des
Hauses  Hohenzollem“  und  machte  dem  militärischen  Geist
des  von  ihm  vertretenen  Instituts  mit  seinem  Ausfall  auf  die
Franzosen  alle  Ehre.  Er  kündigte  ihnen  an,  dass  sie,  da
Europa  sie  doch  nicht,  wie  nöthigenfalls  Amerika  seine  Rothhäute,
  ausrotten  könne,  am  Ende  fürchterlich  geknebelt  und,
„wie  aus  der  gesitteten  Gesellschaft  ausgestossene  unverbesserliche
  Verbrecher,“  ihrer  Eimiedrigung  -  überlassen
werden  könnten.  Mit  gleicher  Furia  und  in  gleicher  Übereinstimmung
  mit  der  Erhitzung  des  Augenblicks  erhob  A.  Stahr
seinen  „Sturmglockenruf“  (Berlin,  den  30.  Juli  1870)  und  rief
mit  einem  Fluch  gegen  den  „Einbrecher“  und  Imperator:  „er
muss  nieder!“

Wir  beschränken  uns  hier  zunächst  darauf,  nur  diese  Erhebung
  von  Volk  gegen  Volk  in's  Auge  zu  fassen,  und  erinnern,
um  das  Ende  der  Tragödie  zu  erklären,  an  einen  ähnlichen
Vorgang  vom  Jahr  1812.  Die  Enkelin  der  Karschin,  Helmine
von  Chezy,  die  sich  damals  am  Hofe  des  Fürstprimas  (Dalberg)