108  Die  deutsche  Gewerbenoth  in  der  Bismarck’schen  Ära,

zu  Aschaffenburg  befand,  erzählt  im  zweiten  Band  ihrer  „Denkwürdigkeiten“
  (Leipzig  1858),  wie  jener  Fürst,  als  die  Niederlage
Napoleons  unverkennbar  war,  ihr  im  Geheimen  und  von  tiefer
Trauer  ergriffen,  mittheilte:  „Er  muss  fallen,  man  kann  ihn
nicht  emporhalten,  nicht  retten;  aber  diese  Nothwendigkeit  ist
entsetzlich,  Europa  bedarf  seiner  mehr  als  je  und  dennoch  muss
seine  Gewalt  vernichtet  werden.  Er  wird  unterliegen,  aber
wehe  uns  nieht  minder,  denn  Alles,  was  er  Grosses  gewollt,
wird  mit  ihm  zu  Grunde  gehen  und  Alles,  was  er  Unheilbringendes
  gesäet,  wird  in  den  Händen,  die  nach  ihm  die
Zügel  halten  werden,  wuchernd  emporschiessen."

So  ist  es  auch  jetzt  diesseits  des  Rheins  gekommen.  Bei
den  Deutschen  wucherte  die  Anmaassung  und  Überhebung,
deren  ein  Dubois-Reymond  und  die  Andern  die  Franzosen
angeklagt  hatten,  erst  zur  rechten  Höhe  auf.

Der  soeben  genannte  Festredner  z.  B.,  der  an  der  Vorstellung
  der  Schulpedanten  festhielt,  dass  der  Eintritt  Athens
in  die  Zeit  seiner  Decadence,  die  absolutistische  Regierung  des
Perikles,  die  grösste  Periode  seines  politischen  Lebens  war,
leitete  ‘in  seiner  Festrede  zur  Feier  des  kaiserlichen  Geburtstages,
am  26.  März  1874  aus  dem  Zusammenfallen  „der  höchsten
Blüthe  der  Kunst  und  Wissenschaft“  mit  dieser  Glanzzeit  des
athenischen  Freistaats  für  Berlin  die  Nothwendigkeit  ab,  eine
gleiche  „geistige  Suprematie  zu  üben  und  dem  wiedererstandenen
  einigen  Deutschland  Ehre  zu  machen.“  Jedoch  hat
er  ganz  vergessen,  in  dem  gegenwärtigen  Zustand  und  Lehrerpersonal
  der  von  ihm  als  geistige  Leibgarde  der  neuen  Ära
verherrlichten  Universität  etwas  von  den  Elementen  nachzuweisen,
  die  für  ihren  Aufschwung  zur  geistigen  Suprematie  im
Reich  des  Wissens,  der  Forschung  und  der  Entdeckung  einige
Bürgschaft  leisten  könnten.  Was  seine  eigene  Facultät  und  das
Fach  der  Mediein,  speciell  der  Physiologie,  betrifft,  so  hat  er
bekanntlich  seinen  Ruhm  durch  den  Ausspruch:  „ignoramus,
ignorabimus“  begründet;  indessen  hat  er  sich  in  diese  Hülle  des
Nichtwissens  auch  gegenüber  historischen  Thatsachen  gehüllt,
die  neben  ihm  in  Berlin,  und  neben  seiner  Facultät  das  Reich
der  Naturforschung  erweitert  haben.  In  seiner  Gedächtnissrede
auf  Johannes  Müller,  seinen  Vorgänger  in  der  Akademie  der
Wissenschaften,  erinnerte  er  zwar  daran,  wie  man  „dem  Neide
zum  Trost  bemerkt  habe,  dass  demselben  trotz  aller  Anstreng-