112  Die  deutsche  Gewerbenoth  in  der  Bismarck’schen  Ära.

mit  fähigen  Gehilfen  zu  bevölkem,  so  war  immer  noch  die
Frage,  wo  die  neuen  Welttheile  lägen,  die  für  die  Aufnahme
der  plötzlich  vermehrten  Fabrikate  reich  und  willig  genug
wären.
Allmählig  kamen  aber  im  Gegentheil  aus  den  Welttheilen
von  jenseits  des  Meeres,  aus  Südamerika  und  Ostasien,  eine
Reihe  von  Unglücksposten,  dass  die  deutschen  Fabrikate  ihren
dortigen  Markt  durch  die  besseren  Leistungen  der  Franzosen,
Engländer  und  Nordamerikaner  verloren  haben.

Der  „Reichs-  und  Staats-Anzeiger“  zu  Berlin  begann  am
10.  März  1876  mit  einer  Übersicht  dieser  überseeischen  Klagen
über  den  Rückgang  des  Absatzes  und  der  Qualität  der  deutschen
Fabrikate.  Im  Anfang  des  Juli  1877  theilte  die  „Nordd.  Allg.
Zeitung“  mit,  dass  ein  amtlicher  Bericht  über  den  Handel
Columbiens  vom  Jahr  1876  dieselben  Beschwerden  enthalte.
Den  Hauptschlag  führte  die  Eingabe,  welche  die  deutschen
Kaufleute  Montevideo’s  unterm  16.  Juli  dem  deutschen
Reichskanzler-Amt  unterbreiteten,  und  die  Berliner  „National-Zeitung“
  erwarb  sich  noch  durch  ihre  Mittheilung  einer  Reihe
ihr  zugegangener,  einheimischer  Zuschriften  über  jene  Eingabe
(vom  18.  bis  24.  September  1877)  ein  besonderes  Verdienst.

Jene  überseeischen  Berichte,  zu  denen  das  „Preussische
Handelsarchiv“  im  Juli  1879  gleich  trübe  Mittheilungen  aus
Mexico,  Centralamerika  und  dem  Kaukasus  bringt,  stimmen  in
der  Klage  über  Unreellität  der  deutschen  Waarenlieferungen
überein.  Die  Webestoffe  kommen  gewöhnlich  in  einem  Minderinaass
  und  abweichend  von  dem  auf  dem  Stück  angegebenen
Muster  an;  in  einer  und  derselben  Packung  sind  sogar  verschiedene
  Qualitäten  unter  einander  gemischt.  Der  Deutsche
liebt  die  kleinen  Schnitte;  die  Pappdüten  z.  B.,  in  welche
Nägel  verpackt  sind  und  die  mit  gewogen  werden,  sind  vier
bis  fünfmal  schwerer  gemacht,  als  es  in  holländischen,  belgischen
oder  englischen  Lieferungen  geschieht.  Der  Deutsche  besitzt
ferner  nicht  die  Leistungsfähigkeit  des  englischen  Fabrikanten,
der  es  besonders  gut  versteht,  geringerer  Waare,  die  der  Kaufmann
  für  die  Indianergrenze  verlangt,  ein  hübsches  Ansehen
und  doch  so  viel  Brauchbarkeit  zu  geben,  dass  Bestellungen  auf
grosse  Quantitäten  regelmässig  wiederkehren,  wogegen  der
Deutsche  dergleichen  Bestellungen  so  mangelhaft  ausführt,  dass
selten  wieder  ein  Auftrag  möglich  wird.