Eine  Erneuerung  des  französischen  Volkscharakters  etc.  119

XI.
Eine  Erneuerung  des  französischen  Volkscharakters  als
Pendant  zu  deutschen  Stimmungen,

Die  beiden  Segur,  Louis  Philipp  und  August  Philipp,  Vater
und  Sohn,  haben  die  Anfänge  und  den  Schluss  der  grossen  ersten
Revolution  der  Franzosen  beschrieben.  Der  Jüngere  hat.  in  seinem
Werk  über  Napoleon’s  russischen  Feldzug,  welches  neben
Chambray’s  militärischem  Meisterwerk  und  trotz  Gourgaud’s
  militärischen  Berichtigungen  mit  seiner  Schilderung  der
Seelenstimmung  Napoleon’'s  und  seines  Gefulges  in  dieser  Extase
des  französischen  Nationalitätsgefühls  einen  bleibenden  Werth
behaupten  wird,  dem  Nibelungenlied  ein  ebenbürtiges  Gegenstück
zur  Seite  gestellt.  Dem  Vater  haben  wir  ein  schönes  Gemälde
der  Stimmungen  zu  verdanken,  in  welchen  der  Kreis  der  höheren
Gesellschaft  sich  am  Vorgefühl  einer  nahenden  Umwälzung  crgötzte.
  Wir  knüpfen  für  die  folgenden  Zeilen  zunächst  an  das
Bild  an,  welches  er  in  seinen  „Denkwürdigkeiten“  der  1789
im  Bürgerthum  und  unterm  Volk  eingetretenen  Veränderung
widmet.

Er  hatte  fünf  Jahre  hindurch  als  Gesandter  in  Petersburg
seinem  Posten  vorgestanden  und  kam  sich  trotz  der  Briele,  die
ihn  seit  dem  Ausbruch  der  revolutionären  Stürme  mit  dem  Gang
ıler  Ereignisse  bekannt  gemacht  hatten,  bei  seiner  Rückkehr
nach  Frankreich  (am  Schluss  des  Jahres  1789)  wie  ein  aus  dem
Schlaf  erwachender  Epimenides  vor.  „Schon  bei  seinem  Eintritt
in  sein  Vaterland,  schreibt  er,  ehe  er  sich  mit  Jemand  unterhalten
  hatte,  wurde  er  von  einem  unerwarteten  Schauspiel  überrascht:
  Die  Bürger,  Bauern,  sogar  die  Frauen  zeigten  in  Haltung,
Bewegungen  und  Micnen  etwas  Lebhattes,  Stolzes,  Unabhängiges
und  Beseeltes,  was  er  an  ihnen  noch  nicht  gekannt  hatte.  Wenn
er  Leute  aus  den  unteren  Klassen  um  Etwas  befragte,  antworteten
  sie  ihm  dreist  mit  stolzem  Blick  und  klarem  Ton;
überall  sah  er  das  Gepräge  jener  Gefühle  von  Freiheit  und
Gleichheit,  welche  damals  die  Leidenschaften  entzündeten.  Bei
seiner  Abreise  aus  Frankreich  hatte  er  ein  friedliches,  durch