120  Eine  Erneuerung  des  französischen  Volkscharakters

Gewohnheit  unter  das  Joch  einer  langen  Unterwürfigkeit  gebeugtes
Volk  verlassen  und  jetzt  fand  er  es  emporgerichtet  und  unabhängig
  wieder.“

Diese  grosse  Veränderung  der  Franzosen  in  Charakter,  Gemüth
  und  Stimmung  will  uns  gerade  in  dem  Augenblick,  wo  wir
unter  uns  ein  dem  Anschein  nach  früher  mächtiges  Regime  sich
in  geistiger  Mittellosigkeit  und  finanzieller  Verlegenheit  auflösen
sehen,  nicht  aus  dem  Sinn  kommen.  Noch  nie  ist  eine  Ära  in
einer  ähnlichen  allgemeinen  Stockung  wie  die  Bismarck’sche
versunken;  es  ist,  als  ob  sie  sich  im  Triebsand  ihrer  Rathlosigkeit
  verlieren  solle.

Das  Nationaleapital,  welches  den  Bismarck’schen  Unternelinungen
  von  vomherein  nicht  gewachsen  war,  ist  seit  1863
für  die  steigenden  Armeebedürfnisse  draufgegangen,  während
Arbeit  und  Industrie  hinter  den  gleichzeitigen  gewerblichen
Fortschritten  Frankreichs,  Nordamerikas  und  selbst  der  skandinavischen
  Länder  zurückblieben.  Das  geistige  Capital,  mit
welchem  Bismarck  seit  1866  wirthschaftete,  —  das  ihm  nöthige
Ungestüm  der  Nationalliberalen  gegen  innere  und  auswärtige
Reichsfeinde  ist  von  ihm  aufgezehrt,  nachdem  es  dem  Publikum
  langweilig  und  für  die  productive  Arbeit  tödtlich  geworden
  war.

Als  der  leitende  Minister  erkannte,  dass  er  sich  in  seiner
Erwartung,  bei  den  Liberalen  die  Unterstützung  sciner  auswärtigen
  Politik  zu  finden  und  die  Mittel  zur  Ausführung  derselben
  zu  erhalten,  getäuscht  habe,  wandte  er  sich  an  die  conservative
  Partei.  Nach  seinem  Ausdrucke  in  der  parlamentarischen
  Verhandlung  vom  21.  Januar  1864,  that  er  dieser  erkorenen
  Hilfsmacht  die  Ehre  an,  sie  den  Acheron  der  Unterwelt
zu  nennen,  die  er  zu  seinen  Gunsten  beschwören  musste,  nachdem
  es  ihm  nicht  gelungen  war,  den  Beistand  der  Götter  der
Oberwelt  zu  gewinnen.  Einer  dieser  Götter  sagte  in  jener  Verhandlung
  des  preussischen  Abgeordnetenhauses  von  ihm,  er  sei,
nachdem  er  sich  der  Rechten  und  dem  Herrenhause  ergeben,
nicht  mehr  der  Mann,  der  mit  dem  Gefühl,  er  werde  etwas  ausrichten,
  sich  den  Mächten  der  Oberwelt  vorstellte;  jetzt  sei  er
vielmehr  „dem  Bösen  verfallen  und  er  werde  von  ihm  nicht  wieder
loskommen“  Aber  kaum  hatte  er  auf  den  Schlachtfeldern
Böhmens  den  Widerstand  des  parlamentarischen  Olymps  gebrochen
und  dessen  Gebieter  sich  dienstbar  gemacht,  als  er  die  „Bösen“