122  Eine  Erneuerung  des  französischen  Volkscharakters

Revolution  voranging,  welche  die  Grundzüge  für  die  Arbeiten
und  Anstrengungen  der  folgenden  Jahre  in  strengen  und  sicheren
Linien  entwarf.  Im  Namen  und  im  Auftrage  des  Throns  legten
nach  einander  die  leitenden  Minister  Calonne  und  Brienne  einer
aus  königlicher  Wahl  hervorgegangenen  Ständeversammlung  die
auf  das  Sorgfältigste  ausgearbeiteten  Umrisse  eines  Steuersystems,
einer  Kreis-  und  Provinzialordnung  und  einer  Justizreform  vor,
welche  die  Kräfte  des  Reichs  von  den  ständischen  Schranken
befreien  und  zur  vollen  Entwicklung  bringen  sollten.  Indessen
war  die  Jugend  des  hohen  Adels  von  demselben  Verlangen
nach  Neuerung,  Reform,  Freiheit  und  Gleichheit  ergriffen  worden,
welches  dem  Königthum  und  den  ministeriellen  Gehilfen  desselben
ihre  Vorlagen  eingegeben  hatte.  Segur  beschreibt  in  seinen
„Denkwürdigkeiten“  sehr  anschaulich,  wie  der  Adel,  von  der
Leidenschaft  für  das  allgemeine  Wohl  ergriffen,  sich  zum  „Krieg
gegen  die  Vorurtheile“  rüstete  und  der  Schüler  einer  Philosophie
wurde,  in  welcher  er  mit  jugendlicher  Leidenschaft  die  Mittel
aufsuchte,  „sich  der  Menschheit  nützlich  und  ihr  Schicksal  glücklicher
  zu  machen.“  In  den  Siebziger  Jahren  des  Jahrhunderts
ging  aus  dieser  „Trunkenheit  von  einer  süssen  Philosophie“  der
Menschenliebe,  wie  sich  Segur  ausdrückt,  und  aus  dem  gleichen
Interesse  an  Wissenschaft,  Kunst  und  Litteratur  eine  Vermischung
der  Klassen  hervor,  in  der  sich  neue  Unterscheidungen  bildeten,
wie  die  zwischen  Tugend  und  Laster,  Geist  und  Unwissenheit.
Diese  Fortschritte  der  Gleichheit,  diese  jeder  Art  von  persönlichem
  Verdienst  dargebrachte  Huldigung  —  der  Enthusiasınus
für  alle  litterarischen  und  philosophischen  Neuerungen  erweckte
die  Imagination  und  befeuerte  die  Dichter,  Künstler  und  Gelehrten.
  Auch  die  Theater  erklangen  von  den  Meisterwerken
einer  neuen  Musik.  Ein  späterer  französischer  Schriftsteller,
Leclerc,  sagt  in  diesem  Sinne  von  Glucks  Einzug  in  Paris,  dass
die  „Allmacht  seiner  Accorde  die  Nerven  des  Volks  spannte
und  der  Seele  Festigkeit  und  Energie  gab.“

Die  Missionäre  der  Vorzeit,  sagt  Segur,  konnten  nicht  mehr
Feuer  und  Menschenliebe  in  ihrem  Innern  bergen  als  der  damalige
  jugendliche  Adel.  Von  Thatendrang  erfüllt,  folgten  sie
Lafayette’s  Beispiel  und  zogen  nach  Nordamerika,  um  für  die
Befreiung  der  dortigen  Kolonien  zn  streiten.  Segur  war  auch
einer  dieser  Kreuzzügler  und  fand  daselhst  als  Kameraden  z.  B.
den  Grafen  Rochambeau,  den  1788  verstorbenen  Marquis  Chastelux