126  Eine  Emeuerung  des  französischen  Volkscharakters

Als  Massenbach  am  14.  September  1792  von  dem  schon
perplex  gewordenen  Herzog  von  Braunschweig  abgeschickt  wurde,
um  Dumouriez  zu  einer  Unterredung  einzuladen  und  an  der
feindlichen  Linie  sechs  Dragoner  zum  Geleit  erhielt,  lernte  er
in  diesen  schon  den  Geist  der  Freiwilligen  kennen.  Sie  fragten
ihn  schr  naiv:  „ob  die  Preussen  denn  wirklich  glaubten,  nach
Paris  zu  kommen.“  Es  waren  aufgeweckte  Leute,  voll  frohen
Muthes,  höflich  und  bescheiden.  Plötzlich  erkannten  sie  in  dem
Pferde  Massenbach’'s  an  der  eingebrannten  No.  6.  einen  Kaıneraden
  und  riefen  aus:  „Wahrhaftig!  ein  Kamerad,  Kriegsgefangener
vom  6.  Dragonerregiment."  Der  preussische  Officier  erklärte
ihnen,  wie  er  zu  dem  Gaul  gekommen,  und  sie  riefen  wieder:
„Das  ist  gut!  wir  werden  auch  welche  von  den  Eurigen  bekommen,
  das  ist  gut!“

Laukhard,  der  als  verdorbener  Student  und  Magister  im
Jahre  1783  sich  zu  Halle  in  ein  preussisches  Regiment  anwerben
liess,  den  Feldzug  in  die  Champagne  mitmachte,  dann  von  Landau
aus  Frankreich  als  Überläufer  durchzog  und  später  in  den  letzten
Bänden  seiner  Autobiographie  „Leben  und  Schicksale"  (Leipzig
1796.  1797)  seine  Erfahrungen  unter  Preussen  und  Franzosen
geschildert  hat,  sagt  von  den  französischen  Freiwilligen,  dass
ihnen  der  Process,  in  dem  ihre  Nation  mit  der  Welt  stand,
„über  Alles  ging.“  „Ich  habe  niemals,  schreibt  er  ein  andermal
von  den  Gefangenen  nach  dem  Trefien  bei  Trippstadt  im  Sommer
1793,  oflnere  und  festere  Gesichter  gesehen.“  Immer  rühmt  er
das  „erstaunlich  frohe  und  muntere  Wesen“  des  französischen
Militärs,  wie  „sie  ausser  dem  Dienst  stets  guter  Dinge,  mittheilend
  und  recht  brüderlich  sind.“

In  Landau,  wo  er  sich  nur  nach  der  Verabredung  mit  den
Oberofficieren  des  Blokadecorps  und  dem  Kronprinzen  (späteren
Friedrich  Wilhelm  IIL.)  als  Überläufer  gemeldet  hatte,  um  seinen
früheren  Universitätskameraden  den  Convents-Commissär  Dentzel
zur  Übergabe  der  Festung  zu  hewegen,  verkehrte  er  mit  den
aufgeweckten  Freiwilligen,  besuchte  fleissig  die  Clubs  der  eingeschlossenen
  Bürger  und  gewann  auch  die  Zuneigung  des  tapfern
Commandanten  Laubadere.  Seine  Erfahrungen  in  dieser  Festung
und  in  den  anderen  Städten  Frankreichs,  die  er  später  kennen
lernte,  fasst  er  in  der  schönen  Schilderung  zusammen,  überall
fand  ich  „einen  Ideen-Commerz,  der  mich  oft  in  Erstaunen
setzte,  —  einen  Conimerz,  der  selbst  durch  den  Krieg  gewonnen