130  Eine  Erneuerung  des  französischen  Volkscharakters  etc.

Theil  2,  pag.  186  flgd.)  einen  besonderen  Abschnitt  und  sagt
bei  dieser  Gelegenheit:  „Kein  Volk  versteht  wie  die  Franzosen
Unglück  zu  ertragen.  Wenn  sie  gewaltig  und  übermüthig
im  Genuss  sind,  so  sind  sie  auch  tapfer  und  grossmüthig  im
Eintbehren.*

Aber  besonders  wichtig  für  uns  und  unsere  deutsche  Gegenwart
  ist  der  Blick,  welchen  Arndt  bei  dieser  Gelegenheit
auf  die  Deutschen  wirlt.  Er  schreibt:  „Der  Nortlländer,  be:
sonders  der  Deutsche,  hat  nur  für  Ein  Ding  seinen  Stachel
und  lässt  ihn  gewöhnlich,  wenn  er  damit  gestochen  hat,  und
so  wie  die  Biene  stirbt,  wenn  sie  beim  Stechen  den  ihrigen  verloren
  hat,  so  geht  es  ilım.  Ich  möchte  sehen,  wie  es  unseren
deutschen  Baronen  und  Edelleuten  ginge,.  wenn  sie  auswandern
müssten  oder  nur  in  Masse  aus  ihrem  alten  Zustande  geworfen
würden.  Ich  will  ilmen  das  nicht  gönnen,  aber  ihr  Schicksal
steht  mir  in  jenem  Falle  als  das  traurigste  vor  Augen.“

Wir  haben  keinen  Anlass  dazu,  über  das  Schicksal  der
deutschen  „Barone  und  KEdelleute*  in  einem  gedachten  Falle
nachzusinnen,  da  das  wirkliche  Leben  der  Gegenwart  unserer
Theilnalıme  schon  eine  Überfülle  von  Leiden  und  Elend  darbietet.
  Bei  uns  hat  Alles  seinen  Stachel  verloren.  Die  politischen
  und  kirchlichen  Parteien  sind  wehrlos  geworden  und  in
Thatlosigkeit  versunken;  die  deutsche  Industrie  und  Gewerk-Arbeit
  hat  in  der  Hitze  der  Milliardenzeit  blind  zugestochen
und  tastet  ratlılos  nach  Ililfe  und  Heilmitteln,  aber  auch  der
Honig  ist,  wie  wir  in  dem  Folgenden  schildern  werden,  versauert
  und  geschmacklos  geworden.

XI.
Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.

Ein  schöngeistiges  Erzeugniss,  in  Farben,  Tönen  oder  im
Gewand  der  Rede,  mag  es  an  sich  selbst  noch  so  unbedeutend
und  vergänglich  sein,  erhält  doch  sofort  eine  gewisse  \Wichtigkeit,
  wenn  es  seine  Zeitgenossen  gefesselt  und  entzückt  hat.
Der  Gesclichtsschreiber  kann  z.B.  Lafontaine’s  Quinctius  Hcymeran
von  Flemming  und  desselben  Autors  andre  Romane  nicht  unbeachtet
  lassen,  wenn  er  die  hohen  Höfe  und  bürgerlichen  Kreise
verstehen  will,  die,  während  Preussen  hinter  der  Demarcations-