132  Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.

ihren  beiden  Günstlingen  nur  ein  Paar  schöne  Verse  auf  das
neue  Rom  und  dessen  Herren  entlocken,  nachdem  die  Kraft
und  Schönheit  der  Sprache  während  der  Bürgerkriege  sich  im
Kampf  des  Forum  und  in  Lucrezens  Preis  der  Entsagung  und
„Reichsfeindschaft"  erschöpft  hatte.  Als  später,  unter  Nero,  das
Feuer  dieser  Sprache  noch  einmal  aufloderte,  richtete  es  sich
(in  Lucan’s  Gesang  vom  Bürgerkrieg)  gegen  den  Stifter  der
neuen  Ära.  Der  Glanz  der  Kunst,  in  dem  sich  das  Königthum
Ludwigs  XIV.  vor  dem  Übergange  zum  Ciäsarismus,  sonnte,
war  von  Männern  entzündet  und  unterhalten,  die  sich  vor  dem
Auftreten  des  Mächtigen  entwickelt  und  bewährt  hatten.  Ludwig
hatte  sie  nicht  gezeugt.

Dergleichen  Männer  fehlten  Deutschland  schon  vor  dem
Beginn  der  neuen  Ära;  dieselbe  konnte  daher  nur  die  Reste
einer  an  sich  schon  unfruchtbaren  Zeit  verbrauchen  oder  musste
mit  den  Neulingen  einer  sehr  unsicher  Gegenwart  vorliebnehmen.


Und  an  dieser  Unsicherheit  hatte  auch  der  Stifter  der
neuen  Zeit  zu  leiden.  Sein  Hinweis  auf  die  ausgesetzte  Lage
des  Reichs  inmitten  feindlicher  Mächte,  wenn  es  galt,  neue
Steuern  flüssig  zu  machen,  konnte  weder  für  eine  Finanzreforn
Ersatz  bieten,  noch  die  Kraft  und  Lust  einer  ermatteten  Nation
zur  Arbeit  beleben.  Seine  Klagen  (z.  B.  in  der  Sitzung  des
preussischen  Abgeordnetenhauses  vom  25.  Januar  1873),  dass  er
„Jan  Sande  ermüden  und  seine  Ohnmacht  erkennen  müsse,  wenn
er  als  Vorsitzender  des  Staatsministeriums  immer  erst  „durch
Bitten,  Überredung,  Correspondenzen  und  Beschwerden“  Einfluss
erkämpfen  solle,  —  die  spätere  Klage  ferner,  dass  er  auch  die
Last  des  auswärtigen  Amtes  nicht  mehr  tragen  könne,  wenn
ein  unbotmässiger  Beamter  seinen  Einfluss  im  „gesellschaftlichen
Verkehr  mit  gewissen  Personen“  zum  Widerstand  gegen  ihn
benutzen  dürfe,  die  wiederholten  Klagen  dieser  Art  und  die
ebenso  oft  wiederholte  Androliung  seines  Rücktritts  mussten
dem  Publikum  für  die  Haltbarkeit  der  öffentlichen  Zustände
bange  machen.

Ein  Blick  auf  den  Mann,  dessen  Naıne  mit  der  mächtigsten
und  blühendsten  der  neueren  Reichsgründungen  verknüpft  ist,
wird  uns  vielleicht  die  persönliche  Stellung  und  Haltung
Bismarck’s  in  dem  Rahmen  dieses  kurzen  Aufsatzes  am  deutlichsten
  machen.