134  Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.

seiner  Sache  gedeutet  werden  könnte.  Er  bedauert  zwar  einmal,
  dass  er  seinen  Posten  angenommen  habe,  aber  keine
Stockung  der  Dinge,  kein  Anlauf  seiner  Widersacher  und  Rivalen
hat  ihn  dazu  bringen  können,  mit  der  Ankündigung,  dass  er
nöthigenfalls  zurücktreten  werde,  seine  Widersacher  und
zugleich  die  Nation  zu  erschrecken.

Der  geneigte  Leser  wird  es  nicht  unwillig  aufnehmen,  dass
der  Verfasser  dieser  Zeilen  in  einem  Abschnitt,  der  von  den
Musen  der  Bismarck'schen  Ära  handelt,  an  einen  Reichsstifter
erinnert,  der  zugleich  als  militärischer  Oberbefehlshaber  und  als
Staatsmann  das  vollkommenste  Ebenmaass  der  inneren
Stimmung  der  Welt  gezeigt  hat.  Gleichmaass,  Wohlgestimmtheit,
Eurhythmie  sind  die  Güter,  die  den  Musen  inwohnen  und
von  ihnen  an  ihre  Günstlinge  vertheilt  werden.  Es  kommt  hier
nicht  darauf  an,  ob  die  Amerikaner  die  \Vohlgestimmtheit  ihres
Reichsgründers  auch  in  Werken  der  Leyer  und  Zither  wiedergegeben
  haben;  uns  genügt  zunächst  vielmehr  die  Thatsache,
dass  ihr  Staatskörper  noch  heute  vom  Geist  ihres  Washington
zehrt.  \Virsind  auch  fern  davon,  bei  den  Deutschen  der  jetzigen
Ära  nach  Meisterwerken  des  Geschmacks  und  der  künstlerischen
Erfindung  zu  suchen,  und  haben  es  nur  mit  der  Frage  zu  thun,
ob  sie  ihr  Gelübde  vom  Jahr  1870,  dem  von  ihnen  bewunderten
Meister  durch  die  Suprematie  im  Fache  der  Kunst  Ehre  zu
machen,  erfüllt  haben  und  bei  der  Unsicherheit  der  Situation
erfüllen  konnten.

Einmal,  als  die  chronische  Krankheit  des  Parlamentsleibs
wieder  in  ein  hitziges  Fieber  umgeschlagen  war,  theilte  der
Meister  einem  Kreise  von  Gläubigen,  wie  Ludwig  Bamberger
nach  dem  Bericht  eines  Ohrenzeugen  (in  der  Berliner  „Gegenwart“
  vom  7.  Juli  1872)  erzählt,  die  Schreckensgeschichte
mit,  wie  ihm  letzte  Nacht,  als  er  in  Besorgnissen  um  die
deutsche  Einheit  eingeschlafen  war,  der  Traumgott  die  Karte
Deutschlands  in  die  Hand  gab  und  wie  diese  zwischen  seinen
Fingern  morsch  und  immer  morscher  ward  und  endlich  wie
Zunder  in  Fetzen  auseinanderging.

Gleichzeitig  sah  es  in  Deutschland  wie  in  einer  grossen
Krankenstube  aus.  Alles  litt  und  klagte  über  das  harte
Lager  und  über  die  Gebrechlichkeit  des  Dachs,  unter  dem  man
sich  eingepfercht  sah,  Dazwischen  machte  sich  die  Stimme  des