Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.  135

mächtigen  Mannes  geltend,  der  Ruhe  und  Stille  gebot,  wenn
man  ihn  nicht  nächstens  reisefertig  und  zum  Rückzug  in  seine
Einsiedelei  bereit  sehen  wollte.

Der  Meister  verlangte  Ruhe  und  doch  war  es  ein  öffentliches
  Geheimniss,  dass  ein  Theil  der  Stimmen,  die  im  Dunst
der  deutschen  Krankenstube  sich  in  Klagen  und  gegenseitigen
Anklagen  ergingen  und  den  allgemeinen  Lärm  unterhielten,
sich  seiner  Protection  erfreuten.  Nur  schätzte  der  Meister  den
Umfang  der  protegirten  oder  officiösen  Presse  zu  gering,  wenn
er  in  einem  Reichstagsdisput  (vom  März  1873)  diese  begünstigte
Presse  auf  ein  Blatt  beschränkte,  in  welches  „er  mitunter  einen
Artikel  hineindrucken  lasse.“  Auch  der  Abgeordnete  Richter,
der  jenen  Disput  hervorgerufen  hatte,  übersah  die  ungeheure
Schaar  der  freiwilligen  Diener,  die  sich  in  allen  Reihen,  auch
der  Fortgeschrittensten  an  jenem  Lärm  betheiligten  und
nit  derselben  Kraft  des  Tons  über  die  sogenannten  Reichsfeinde
  herfielen.

Man  braucht  nicht  wie  eine  jener  protegirten  Zeitungen,
für  deren  sämmtliche  „Thorheiten“  Bismarck  im  Disput  mit
Richter  seine  Verantwortlichkeit  nicht  hergeben  wollte,  aus  der
Krippe  Jesu  bei  Gelegenheit  einer  katholischen  Ausstellung  die
Reliquie  vom  Gerippe  des  Jesuskindes  zu  machen,  um  in  den
Geruch  des  Officiösen  zu  kommen.  Die  „Tagebuchblätter“  des
Dichters  Geibel  gegen  das  „lichtscheue  Gelichter  des  römischen
Sumpfs“  (in  der  „Gegenwart“  vom  April  1873),  die  Couplets  der
Berliner  Posse,  die  Predigten  der  Biedermänner  im  grossen
Schauspiel  und  die  Redner  der  Bezirksvereine  liessen  es  an
gleichen  Thorheiten  nicht  fehlen  und  die  fortgeschrittensten
Parlamentarier  bemühten  sich  in  gleichem  Ton  um  die  Wette,
die  Bettlägerigen  der  allgemeinen  Krankenstube  vollends  um
die  Besinnung  zu  bringen.

Ein  unbeachtet  gebliebenes  Telegramm  der  Wiener  „Neuen
Freien  Presse“  aus  Salzburg  vom  6.  September  1871  belehrt  uns
indessen  über  ein  Instrumentalconcert,  dessen  Direction  sich
Bismarck  anfänglich  allein  vorbehalten  hatte.  Es  galt  der  Begrüssung
  des  deutschen  Kaisers  durch  den  Kaiser  von  Österreich.
Franz  Joseph  war  von  den  Oberbeamten  des  diesseitigen  Österreich
  ungeben.  Mit  Hohenwart,  dessen  cisleithanischer  Föderations-Versuch
  sich  im  Niedergang  befand,  war  auch  Beust
gekommen,  der  mit  bangem  Herzen  der  Lösung  einer  alten