136  Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Äre.

Frage  und  seiner  Ersetzung  durch  Andrassy  entgegensah.  Der
Magyar  war  gleichfalls  auf  dem  Wege  nach  Salzburg  und  bei
Kemmelbach  stieg  der  deutsche  Gesandte,  General  von  Schweinitz,
zu  ihm  in  sein  Coupee,  um  bei  ihm  bis  zur  Ankunft  am  fürstlichen
  und  ministeriellen  Rendezvous  zu  verweilen.  Dem
Deutschen  fiel  ein  Stein  vom  Herzen,  als  er  den  Ungarn  erblickte
und  er  rief  ihm  die  laut  gesprochenen  Worte  zu:  „wären  Sie
nicht  gekommen,  Graf,  so  gäbe  es  ein  Loch  in  unsrer  Pauke.“
Dieses  Instrument  bewährte  sich  sofort  in  Salzburg  und  bereitete
den  zwei  Monate  darauf  erfolgten  Sturz  Hohenwart’s  und  Beust's
vor.  Allmälig  wurde  es  die  Culturpauke,  die  z.  B.  der
deutsche  Botschafter  in  London  auf  eineın  Meeting  kräftig
rührte.  Zugleich  griffen  aber  auch  die  liberalen  Blätter  nach
dem  Notenstock  und  schlugen  den  deutschen  Gesandten  in  Rom,
Paris,  Brüssel,  Madrid  zur  tüchtigen  Bearbeitung  dieses  Culturinstruments
  den  Takt.

Dieses  Doppelconcert  draussen  und  innerhalb  der  einheimischen
Krankenstube  accompagnirte  die  Übungen  der  Musen,  als  sie
Deutschland  während  der  letzten  zehn  Jahre  besuchten.  Wir
werden  nun  sehen,  ob  es  ihnen  gelang,  Berlin  zur  Herrscherin
im  Reich  der  Kunst  zu  erheben,  und  bemerken  zuvor  dem  geneigten
  Leser,  wenn  er  an  der  düstern  Färbung  dieses  Berichts
Anstoss  nehmen  sollte,  dass  er  dem  gebildeten  Geschmack  der
„Nationalzeitung“  für  diese  Schilderungen  der  Berliner  Kunstleistungen
  zu  ernstlichenn  Dank  verpflichtet  ist.  Der  Verfasser
hat  nämlich,  um  jener  Färbung  den  Anschein  des  bloss  Subjectiven
  zu  entziehen,  in  den  folgenden  Theil  dieses  Abschnittes
die  Urtheile  der  Feuilletonsrubrik  verwebt,  die  sich  mit  ihrer
freimüthigen  Sprache  von  dem  ängstlichen  Herrendienst  des
politischen  Theils  jener  Zeitung  zu  ihrem  Vortheil  unterscheiden.

Zuweilen  verirıt  sich  zwar  in  diese  Region  „unterm  Strich“
eine  Stimme  von  oben,  wie  z.  B.  Herr  Demburg  (im  November
1877)  bei  Gelegenheit  der  Anzeige  von  K.  Frenzel’s  „Berliner
Dramaturgie"  im  Geiste  Dubois-Reymond’s  darauf  schwört,  dass
Berlin,  als  „Deutschlands  Hauptstadt  und  Mittelpunkt  des
deutschen  Staatslebens"  auch  die  Ehre  des  „theatralischen
Primats“  gesichert  ist.  Allein  die  Geister  „unten‘‘  haben  mit
ihrer  gerechten  Kritik  der  theatralischen  Leistungen  Berlins
dafür  gesorgt,  dass  es  sein  Haupt  nicht  allzustolz  über  seine
deutschen  Geschwister  erheben  darf.  Eine  „regulirende,  maass-