Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.  137

gebende  Kunststätte,"  wie  es  Herr  Dernburg  nennt,  müsste  unter
Anderm  auch  der  Pflege  der  nationalen  Überlieferung
gewachsen  sein  und  Kräfte  erziehen,  welche  die  Schätze  der
Vergangenheit  zu  heben  und  den  Geist  der  alten  Meister  zu
eitiren  verstehn.  Wie  verhält  es  sich  aber  mit  dieser  Conservirung
  des  Alten,  wenn,  nach  dem  Bericht  des  Kenners  im
Feuilleton,  in  der  Aufführung  von  Gluck's  „Iphigenia  in  Aulis'
(am  7.  Novbr.  1875)  die  Titelrolle  in  der  rathlosen  Stimme  und
vordringlichen,  zum  Genrehaften  herabfallenden  Klangfarbe  der
Primadonna  Mallinger  verkümmert,  —  Agamemnon  unter  den
ungestümen  Übertreibungen  und  realistischen  Kraftübungen  des
Herrn  Betz  zum  Polterer  wird  und  selbst  die  Haltung  des
Orchesters  die  Straffheit  vermissen  lässt,  welche  die  Ehre  des
Werks  erfordert?

Die  schöpferischen  Meister  unserer  Musik  haben  von  ihren
welschen  Vorgängern  gelernt  und  deren  Anregungen  zum  Verständniss
  ihres  eigenen  Inneren  benutzt;  Gluck  hat  mit  Italien
und  Frankreich  gerungen.  Was  nutzt  uns  aber  die  reine
nationale  Musik,  wenn  sie  uns  in  Ignaz  Brüll’s  „Landfrieden“
(am  18.  October  1877)  statt  Buffos  von  italienischer  und  französischer
  Bildung  „traurige  lümmelhafte  Spassvögel“  bringt,  die
Biedermänner  den  Druck  eines  Alp  ausüben  und  man  am
nationalen  Tisch  verhungert?

Immermann  hatte  das  Unglück,  mit  seiner  schönen  Originalidylle
  (im  „Münchhausen“)  die  Hunderte  und  aber  Hunderte  von
Dorfgeschichten  hervorzurufen,  für  deren  Decorationen  die  Verfasser
  die  Winkel  von  ganz  Deutschland  durchstöberten.  Und
nun,  bei  der  jetzigen  Steigerung  des  deutsch-nationalen  Sinnes
zwingt  der  Componist  Raff  in  seinem  Quartett  „die  schöne
Müllerin“  die  Instrumente,  uns  einen  ganzen  Dorfroman  vorzutragen
  und  müssen  die  Geigen  dem  staunenden  Auditorium
z.  B.  eine  klappernde  Mühle  und  den  Lärm  eines  Polterabends
  vorfieden.  .

Diese  vordringliche  Sucht  nach  Effecten  und  Sensations-Erregungen
  erinnert  uns  an  die  Zeit  Nero’s,  der  die  Senatoren
und  Ritter  der  Weltstadt  in  seinen  Palast  berief  und  ihnen
zeigte,  wie  er  dahinter  gekommen  sei,  der  Wasserorgel  einen
stärkeren  und  wohlklingenderen  Ton  zu  entlocken.  So  erfreute
auch  Rubinstein  in  seinem  F-Dur-Quartett  (am  17.  Novbr.  1875)
die  Hauptstädter  mit  dem  Kunststück,  dass  er  Flöte,  Clarinette,