138  Die  deutschen  Musen  In  der  Bismarck’schen  Ära.

Fagot,  sonst,  wie  in  Händel's  Alexanderfest,  die  Träger  des
lydischen  Brautlieds,  mit  Erfolg  in  der  neueren  nationalen
Sprache  unterrichtet  und  zu  Organen  spitzfindiger  Rhetorik  und
der  magersten  Reflexion  gemacht  hat.

Der  Triumph,  welchen  die  aus  Ungarn  eingetroffene  Sängerin
Etelka  Gerster  (im  April  1877)  mit  ihren  Coloraturen,
Trillern  und  ähnlichen  kleinen  Effectmitteln  über  das  nationalpolitische
  Berlin  davontrug,  war  das  ächte  Bild  einer  cäsarischen
Zeitstimmung.  Bismarck  musste  erfahren,  wie  oberflächlich
sein  damaliger  Entschluss,  die  ministerielle  und  parlamentarische
Bühne  zu  verlassen,  auf  das  Publikum  wirkte.  Er  und  der
Anmarsch  der  Russen  auf  die  Donau  waren  in  der  krampfhaften
  Begeisterung  für  die  Sängerin  vergessen  und  das  Girren
einer  plötzlich  erschienenen  Fremden  liess  die  Krisen  des  einheimischen
  Imperialismus  und  die  Ankündigung  des  Zaren,  dass
er  Europa  aus  eigener  Vollmacht  „retten“  werde,  zu  flüchtigen
Nebelbildern  erblassen.  Ein  Jahr  darauf,  als  die  Sängerin  (am
30.  März  1878)  als  Violetta  der  Verdi'schen  Oper  wieder  auftrat
und  ein  mattes  und  farbloses  Bild  aufstellte,  musste  das  Publikum
seinerseits  wieder  eingestehen,  wie  oberflächlich  der  Genuss
war,  von  dem  es  sich  vor  Monaten  hatte  berauschen  lassen.
Das  cäsarische  Publikum  ist  ein  Flatterwesen,  welches  gierig
nach  dem  Reiz  des  Augenblicks  greift,  gleichviel,  ob  der  Zufall
ihm  eine  Palastintrigue,  Parlamentsdebatte  oder  einen  Virtuosen
zur  Unterhaltung  hinwirft,  und  eben  so  schnell,  wie  es  zugriff,
wendet  es  sich  von  der  Neuigkeit  des  Moments  wieder  ab,  um
einer  anderen  Überraschung  zu  harten.  Einer  dauernden  Beschäftigung
  ist  es  nicht  mehr  gewachsen;  es  geht  ihm  wie  seinen
Parlamentariern,  die  trotz  aller  Kanzler-Krisen  die  politische
Frage  derselben  noch  nicht  ernstlich  ins  Auge  gefasst  haben
und  noch  immer  ohne  staatsrechtlichen  Compass  von  den  Stürmen
derselben  hin  und  her  geschaukelt  werden.

Es  gibt  noch  einiges  Phlegma  mitten  in  dem  Flattern  des
cäsarischen  Bürgerthums,  —  etwas  Dauerndes  in  seinem  oberflächlichen
  Wechsel.  Das  ist  seine  Gemüthseligkeit  und  biedere
Selbstzufriedenheit.  Die  Kunst  versucht  es  auch,  bei  dieser
Genügsamkeit  mit  anzuklopfen.  Neben  Rafl’s  und  Rubinstein’s
Sensationsstücken  hat  z.  B.  E.  Kretschmer  mit  seiner  grossen
Oper,  den  „Folkungern“  dem  Bürgerthum  ans  Herz  gegriffen
und  sein  fabrikmässiges  Gemeingut.  dem  er  keinen  individuellen