Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.  139

Zug  mitzutheilen  vermochte,  mit  Chören  ausgestattet,  deren
Gang  und  Melodiegehalt  sich  nicht  über  den  Liederschatz  der
heutigen  Gesangvereine  erhebt.  Allein  diese  Vereine  sind  in
ihrem  Repertoir,  dessen  stockende  und  zerhackte  Weisen  sich
zu  dem  Fluss  der  ältern  deutschen  Lieder  eben  so  verhalten,
wie  Geibel's  Bismarcksgesünge  zu  den  Versen  eines  Uz,  schon
so  reichlich  versorgt,  dass  sie  der  ‚Folkungerchöre  nicht  mehr
bedürfen.

Man  muss  den  Muth  und  die  Ausdauer  bewundem,  mit
welchen  der  musikalische  Recensent  der  „National  -Zeitung"
pflichtmässig  von  \oche  zu  Woche  sein  Amt  verwaltet,  obwohl
er  dem  Publikum  oft  nur  denselben  Bericht  erstatten  kann,  dass
die  Novitäten  des  Opernfaches  verfehlte  Eingriffe  in  das  Reich
der  Töne  sind.  So  schreibt  er  z.  B.  über  die  Novität  vom
4.  März  1879,  Rubinstein’s  Iyrische  Oper  „Feramors":  „wo  die
Musik  nicht  Landschafts-,  Kostim-,  Situations-Malerin,  sondern
Seelenkünderin  sein  will,  da  senkt  sie  meistens  lahm  und  müde
ihre  Schwingen.  Fast  immer  vertritt  bei  solchen  Anlässen  die
wohlgesetzte  Phrase  den  Naturlaut  der  Empfindung.  Keine
der  handelnden  Personen  verkörpert  sich  zur  Individualität,  den
komischen  fehlt  der  Humor,  den  ernsthaften  die  Echtheit  und
Wärme  der  Empfindung.  Die  Tonsprache  ist  in  ihrem  Element,
so  lange  sie  blos  erzällt  oder  schildert,  aber  ihr  versiegt  das
Vermögen,  wenn  sie  zur  Iyrischen  Ergriffenheit  und  nun  gar  zu
deren  thatkräftigster  Bethätigung,  dem  wirklich  dramatischen
Ausdruck  erheben  soll.“

In  Friedrich  Hoffmann’s  Oper  „Armin“,  am  18.  November  1878,
findet  unser  Berichterstatter  die  Träumereien  der  deutschen
Thusnelda  von  einem  Aufwand  des  „Empfind  St  kers“
versüsst,  wie  ihn  die  Musik  nur  erschwingen  kann,  dagegen  in
der  Römerin  Fulvia  Leidenschaft  „nur  hohle,  kahle  Rhetorik.“
In  Goldmarck’s  „Königin  von  Saba“  (am  1.  December  1879)
tritt  ihm  „die  Freude  an  den  grobkörnigsten  materiellen
Wirkungen,  den  gewaltsamsten  Nervenreizen  entgegen  und
fühlt  er  sich  stets  von  der  Tonsprache  angeschrieen.“

Die  heutige  deutsch-nationale  Malerei  bewegt  sich  in  demselben
  Gegensatz  des  Gesuchten  und  Platten.  Auf  der  einen
Seite  die  forcirte  Grässlichkeit,  auf  der  anderen  das  Gewöhnliche.
Dort  steht  Gabriel  Max,  der  Maler  jenes  wollüstigen  Kitzels,
mit  dem  ein  junger  Römer  vor  der  gekreuzigten  Christin  einen