140  Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära

Rosenkranz  niederlegt,  der  Wasserleichen  und  Sargleichen,  des
Christuskopfs  mit  den  beweglichen  Augenlidern  und  nun  des
Gretchen  mit  dem  abgeschlagenen  und  lose  wieder  aufgesetzten
Kopf,  —  einem  Bilde,  wie  sich  Julius  Lessing  (in  der  „National-Zeitung“
  vom  9.  December  1877)  ausdrückt,  „von  schwacher
Mittelmässigkeit  und  plumpem  Raffinement.“

In  dem  Gewöhnlichen  der  anderen  Seite  hat  der  Berichterstatter
  derselben  Zeitung  über  die  Kunstausstellung  des  Jahres
1877,  K.  Frenzel,  das  nicht  weniger  Gesuchte  sehr  verkannt-Ein
  materielles,  kirchlich-politisches  Interesse  hat  ihm  die  Augen
zugehalten.  Die  neben  einer  ganzen  Reihe  von  Darstellungen
der  Familientrauer,  Begräbniss-,  Todes-  und  Krankheits-Scenen,
immer  noch  ansehnliche  Anzahl  von  Bildem,  welche  das  Lesen
der  Bibel  und  kirchliche  Motive  zum  Gegenstand  haben,  benutzt
er  zu  einer  gehamischten  Anrede  an  Geistliche  und  Kirchenobere.
  Hier,  ruft  er  den  „Kurzsichtigen  und  Engherzigen"  zu,
wenn  sie  über  wachsenden  Unglauben  klagen  wollen,  —  hier
liegt  die  Antwort.

Aber  erstlich  ist  die  Mehrzahl  jener  „ernsten“  Bilder  eine
sehr  verdächtige  Wiederholung  der  Düsseldorfer  Trauernden
und  kein  günstiges  Zeichen  für  eine  Ära,  die  mit  ihren  Kanzler-Krisen,
  parlamentarischen  Zerwürfnissen  und  Nothzuständen
keinen  lebendigen  Funken  im  Herzen  des  Volks  hat  erwecken
können.  Und  sodann  ist  die  Gesuchtheit  und  Einförmigkeit
dieser  Bilder  nicht  die  Antwort,  sondern  nur  das  entsprechende
Gegenstück  zu  der  kalten  Künstlichkeit,  mit  welcher  Geistliche,
Consistorien,  Oberkirchenrath  und  Generalsynode  den  herabgekommenen
  (Glauben  in  Anreden  und  Erlassen  wieder  herstellen
wollen.

Indessen  haben  die  schönen  Bemerkungen  Julius  Lessing’s
über  die  Proben,  welche  die  französischen  Maler,  bei  Gelegenheit
der  Pariser  Weltausstellung  in  der  leidenschaftlichen  Erfassung
der  Historie  von  der  Fülle  ihres  Muths  und  ihrer  Phantasie
abgelegt  haben,  dem  genannten  Berichterstatter  die  Augen
geöffnet,  So  findet  er  nun  auf  der  Berliner  Ausstellung  von
1878  die  Worte  desselben  Lessing  über  den  eingeengten  Gesichtskreis
  der  deutschen  Maler  bestätigt  und  klagt  darüber,
dass  in  dem  Mittelgut  ihrer  Waare  sich  auch  nicht  „eine  Spur
von  unserem  Leben"  regt.  Aber  unser  Leben?  Was  können
oder  dürfen  die  Maler  aus  demselben  nehmen?  Er  selbst