Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.  141

kommt  ihnen  mit  dem  Vorschlag  eines  Eisenbahnunfalls,  eines
Zusammenstosses  zweier  Schiffe  entgegen.  Aber  welche  parlamentarische
  Fraction  soll  ihnen  bei  letzterem  Sujet  als  Hüter
und  Vormund  dienen?  Ja,  wenn  er  noch  einen  modernen  Callot
für  unsere  „Bliseren“  des  Kriegs  und  Friedens  hervorzaubern
könnte!

Allerdings  hat  Berlin  neuerlich  ein  Bild  von  den  Miseren,
Leiden  und  Kämpfen  des  Kriegs  und  zwar  aus  dem  Kampf  um
Paris  im  Jahr  1870  zu  sehen  bekommen.  Es  hat  allgemein
ergriffen;  der  Kampf  vom  30.  October  um  Le  Bourget  zwischen
einer  preussischen  Gardedivision  und  einem  Freicorps  der  Pariser
Presse  sammt  einigen  Mobilgarden-  und  Linien-Bataillonen  ist
mit  künstlerischer  Eindringlichkeit  geschildert;  die  Grösse  des
Augenblicks  ist  in  der  Haltung  und  Anstrengung  beider  Theile,
der  Preussen  und  Franzosen,  zum  unparteiischen  Ausdruck  gekommen.
  Aber  das  Meisterwerk  ist  von  einem  der  Besiegten,
dem  Franzosen  A.  de  Neuville  geschaffen.  Die  Sieger  stehen
beschämt  und  erdrückt  vor  diesem  Zeugniss  der  Kraft,  welche
ihr  niedergeworfener  Gegner  im  geistigen  Kampf  mit  seiner
Niederlage  entwickelt  hat;  das  Gemälde  ist  das  Gegenbild  zu
dem  wirthschaftlichen  Aufschwung,  mit  welchem  Frankreich  nach
den  Verlusten  des  Kriegs  die  Welt  überrascht  hatte,  während
die  Sieger  an  den  heimgebrachten  Milliarden  sich  krank  und
elend  geschwelgt  haben.  Die  Gedrücktheit  der  Sieger  wird
noch  peinlicher,  wenn  sie  sich  von  dem  französischen  Meisterwerk
zu  Piloty's  „letztem  Gang  der  Girondisten“  wenden,  der  mit
seiner  frostigen  und  unlebendigen  Ausführung  neben  dem  Bilde
Neuville’s  zur  Ausstellung  gekominen  ist.

Am  23.  April  1879  kam  in  einer  Sitzung  der  „Berlinischen
Realschullehrer  -Gesellschaft“  eine  andere  für  den  Sieger  beschämende
  Leistung  Frankreichs  zur  Sprache.  Ein  Mitglied  der
Gesellschaft  sprach  über  Elise  Reclus’  Werk  „La  France“
und  gab  ein  ausführliches  Bild  von  der  geistvollen  Gründlichkeit,
  mit  welcher  der  französische  Gelehrte  das  Zusammenwirken
  der  Anlagen  der  Bevölkerung  und  der  klimatischen  wie
geologischen  Verhältnisse  seines  Vaterlandes  in  den  verschiedenen
Perioden  der  Geschichte  desselben  geschildert  hat.  Er  gab  zugleich
  zu,  dass  Deutschland  noch  kein  ähnliches  Werk  über
seine  eigene  landschaftliche  und  geologische  Gestaltung  besitzt,
  und  schloss  mit  dem  Wunsch,  dass  es  gleichfalls,  wie