142  Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarek’schen  Ära.

Frankreich  durch  Reclus,  mit  einer  ähnlichen  Arbeit  beschenkt
werden  möge.

Dagegen  fehlt  es  dem  neuen  Deutschland  der  Gegenwart
nicht  an  patriotischen  Dichtern,  die  seine  Herrlichkeit  in  Liedern
und  Dramen  gegen  das  Ausland,  namentlich  gegen  I'rankreich
und  Rom  in  Verse  und  auf  die  Bühne  bringen,  aber  immer  nur
von  ihrer  eigenen  und  der  allgemeinen  Gedrücktheit  ihrer  Umgebung
  Zeugniss  ablegen.  So  hat  Felix  Dalın  sein  anı  28.  October
1876  zur  Auflülvung  gekommenes  Drama  „Deutsche  Treue‘  sehr
richtig  ein  vaterländisches  Schauspiel  genannt,  an  welchem  allerdings
  die  Kenner  des  neueren  Patriotismus  (Mommsen  und  Dubois-Reymond)
  ihre  Freude  haben  müssen.  K.  Frenzel  hat  es  dagegen
mit  rühmlicher  Gerechtigkeit  geschildert.  Er  nennt  es  ein
patriotisches  Tendenzstück,  die  Charaktermasken  der  auftretenden
Böhmen,  Ungarn  und  Franzosen  Nachbildungen  der  bekannten
Schablone,  das  Ganze  als  Loblied  auf  die  deutsche  Treue,  die
sich  nicht  einmal  in  besonderen  Thaten  äussert,  eine  patriotische
Selbstüberhebung.  Das  Selbstbewusstsein  dieser  Treue  spreizt
sich  in  Ermahnungen  und  Redeübungen,  die  nicht  verfehlen,  ihre
Tapferkeit  gegen  die  Kirche  und  französische  Grosssprecherei
zu  bewähren.  Der  eine  der  Helden,  Heinrich  I,  als  vom  Volke
erwählter  König  der  Deutschen  ist  ganz  nach  Sybel’s  bekanntem
Ideal  gezeichnet  und  bringt  seinen  Gegner,  Arnulf  von  Bayern,
durch  die  Biederkeit  des  Vortrags  zur  Anerkennung  der  Volksstimme.
  Wir  fühlen  uns,  nach  K.  Freuzel's  treffendem  Ausdruck,
unter  dem  Thun  und  Treiben  unserer  Vorfahren  vom  Jahr  920
so  heimisch  wie  in  einem  Bezirksverein  unserer  Tage  und  ihre
Reden  machen  auf  uns  den  Eindruck  eines  modernen  Leitartikels;
Arnulf  ist  in  seinem  anfänglichen  Widerstand  der  Mann  der
bayrisch-patrivtischen,  Heinrich  als  Sieger  derjenige  der  norddeutschen
  Zeitungen.  .

Was  neben  Neuigkeiten  ähnlicher  Art,  in  denen,  wie  in
Wolfgang  Müllers:  „In  Bann  und  Acht“,  ein  braver,  redseliger
Pfaffenfeind  nicht  fehlen  darf,  das  Theaterpublikum  ergreift,  packt,
auch  woll  foltert,  aber  doch  lebhaft  beschäftigt,  ist  französischen
  Ursprungs.  Die  Gelübde  des  Juli  1870,  die  feierlichsten
  Versprechungen,  dem  welschen  Wesen  zu  entsagen  und
echt  deutsche  \erke  zu  schaffen,  waren  bald  vergessen.  Berlin
nahm  zu  an  Häusern  und  Strassen  und  streckte  sich  sogar  zu
neuen  Vierteln  aus,  aber  es  blieb  weit  hinter  dem  Leben  und