144  Die  deutschen  Musen  in  der  Bismarck’schen  Ära.

so  kümmerlich  und  verzweifelnd  dasteht,  als  hätte  ein  auswärtiger
  Feind  dreissig  Jahre  lang  das  Land  zerstampft,  so  ist
den  Musen  der  Quell  originaler  Erfindung  versiegt  und  sie  nähren
sich  nur  noch  ärmlich  mit  ein  paar  patriotischen  Brocken.  Die
lichten  Höhen,  aus  denen  sie  sonst  das  Sinnen  und  Dichten  ihrer
Erkorenen  anregten,  sind  nicht  mehr  ihre  Heimath;  auch  sie
sind  nun  Insassen  des  oben  geschilderten  Krankenhauses  geworden.


XIV.
Die  Politik  Bismarck’s  gegenüber  dem  Vaticanischen  Concil.

Barsch,  wie  der  Ton  der  ganzen  neuen  Ära,  kündigte  sich
auch  die  Dietatur  der  herrschenden  Partei  in  den  kirchlichen
Angelegenheiten  an.  Die  Machthaber,  die  im  vorigen  Jahrhundert
anfingen,  die  Militäruniform  zum  Haus-  und  Staatsrock  zu
erheben,  opferten  der  bürgerlichen  Mode  wenigstens  soweit,  dass
sie  neben  dem  Degen  an  ihrer  Seite  sich  auch  mit  dem  spanischen
Rohr  bewaffneten  und  mit  diesem  schwunghaften  Instrument
zu  ihren  legislativen  Reformen  den  Takt  schlugen.  „Raisonnirt
nicht!  Wollt  ihr  wohl  vemünftig  sein!“  war  der  Text,  dessen
Auslegung  sie  mit  ihrem  bürgerlichen  Scepter  bekräftigten.

Der  Fortschritt  unserer  heutigen  Civilisation  hat  diesen
Stab  „Wehe!“  mit  einem  vornehmeren  und  imponirenderen  Machtmittel
  ersetzt.  Es  ist  die  Majorität  unserer  festländischen
gesetzgebenden  Versammlungen,  aber  der  Text  ihrer  Auseinandersetzungen
  ist  der  alte  geblieben:  „Raisonnirt  nicht,  seid  vernünftig!"


Wir  haben  in  den  vorhergehenden  Abschnitten  unserer
Geschichts-Übersicht  die  Leistungen  dieser  Majorität  und  ihrer
bewunderten  Führer  auf  dem  Gebiete  der  Kunst,  Wissenschaft
und  des  bürgerlichen  Gewerbes  kennen  lernen,  werden  uns  daher

“von  ihren  Missgriffen  in  den  innerlichsten  Angelegenheiten  des
Gewissens  und  der  Überzeugung,  von  den  Illusionen  über  ihre
eigene  Macht  und  von  den  Mitteln,  die  sie  zur  Ausführung
ihrer  Gebote  anwenden,  nicht  überrascht  fühlen.  Sie  werden  der
römisch-katholischen  Kirche  dictiren,  was  zu  ihren  Glaubenssätzen
  gehört;  sie  werden  darüber  verfügen,  dass  diese  Kirche,
soweit  sie  sich  zu  den  Beschlüssen  des  vaticanischen  Concils