Die  Politik  Bismarck's  gegenüber  dem  Vaticanischen  Coneil.  146

bekennt,  eine  andere  und  neue  geworden  ist,  sie  werden  die
wenigen  Männer,  welche  diesen  Beschlüssen  widersprechen  und
Vertreter  der  alten  und  ächten  Kirche  sein  wollen,  als  Lehrer
in  die  Schulen  der  angeblich  neuen  Kirche  schicken  und  als
Seelsorger  den  Gemeinden  der  Vatikaner  aufd.ängen.  Oberste
Dietatoren  über  Verfassung  und  Lehre  eines  Weltreiches,  welches
hunderte  von  Millionen  zu  seinen  Angehörigen  zählt,  werden  sie
Lehrer  schaffen,  denen  die  lltern  ihre  Kinder  entziehen,  und
Seelsorger  ausschicken,  die  keine  Gemeinden  zur  Amtirung  finden.
Im  Rausch  ihrer  Allmacht  werden  sie  das  Unglück  erleben,  dass
die  geringe  Anzahl  der  Anti-Vaticaner,  welche  als  Norm  ihrer
Entscheidungen  und  als  Hillscorps  für  die  Ausführung  dienen
sollen,  ihnen  unter  der  Hand  verschwindet  und  bald  nirgends  mehr
zu  finden  ist.

„Es  muss  sein,  war  das  Motto,  welches  in  den  Beschlüssen
dieser  gebietenden  Majorität  durchgeführt  wurde.

„Es  muss,  —  es  muss  dem  Staate  zustehen,  die  Organe
für  die  Schulaufsicht  zu  stellen,“  lautet  es  in  den  Motiven  zu
dem  betreffenden  Gesetze,  —  „er  muss  die  Macht  haben,  —  er
muss  in  den  Besitz  dieser  Machtmittel  ohne  Verzug  gesetzt
werden.“  !s  handelte  sich  darum,  an  Stelle  der  bisherigen
kirchlichen  Aufsicht  aus  dem  von  uns  oben  geschilderten  Bildungskreise
  und  aus  der  Musse  und  Begabung  desselben  für  grosse
Culturaufgaben  bürgerliche  Kreis-  und  Local-Inspectoren  für  die
Schulen  zu  ziehen.  ls  muss,  rief  Virchow  in  der  Verhandlung
des  Abgeortdnetenhauses  über  dieses  Gesetz  am  8.  Februar  1872,
„für  eine  gewisse  Zeit  in  der  That  eine  ministerielle  Dietatur
geschaffen  werden!“  Für  sein  gleichlautendes  sonores  „Muss“
berief  sich  in  der  Verhandlung  vom  10.  Februar  der  Abgeordnete
  von  Bismarck  (Flatow)  auf  die  gleiche  Ansicht  Virchow’s,
der  für  sein  „Muss“  die  Einwendungen  der  Eltern  so  wenig  berücksichtigt
  wissen  wollte,  wie  man  auf  die  Klagen  des  Tagelöhners
  hört,  der  für  die  Schulversäumnisse  seines  Kindes  von
dem  Executor  heimgesucht  wird.

Je  weniger  die  Majorität  den  Umfang  des  Bildungsmatcrials,
  auf  welches  sie  bei  ihrer  Dietatur  rechnete,  zu  würdigen
wusste,  um  so  weniger  war  sie  Bedenken  in  der  Wall  ihrer
Mittel  ausgesetzt.  Der  Exesutor,  den  Virchow  in  der  Debatte
über  das  Schulaufsichtsgesetz  als  die  Schutzmacht  für  das  „Muss“
eitirte,  erweiterte  sich  in  den  folgenden  kirchlichen  Debatten
Bauer,  Bismarck’sche  Ära,  10