150  Die  Politik  Bismarck’s  gegenüber  dem  Vaticanischen  Concil.

seinen  katholischen  Bischöfen  den  Besuch  des  Concils  verboten
und  arbeitete  an  der  Trennung  des  polnischen  Katholicismus  von
Rom;  die  freie  Hand,  die  es  seit  dem  Tage  von  Königgrätz  für
seine  westlichen  Gebiete  gewonnen  hatte,  war  systematisch  thätig,
um  das  Polenthum  auch  kirchlich  an  die  Oberhoheit  von  Petersburg
  zu  fesseln.  Diese  längst  von  ihm  vorhergesehene  Isolirung
bestärkte  Pius  in  seinem  Entschluss,  den  geistlichen  Cäsarismus
  zu  gründen  und  seine  Centralisation  den  weltlichen
Mächten  entgegenzustellen.

Die  absolute  Einsamkeit  des  Papstes  innerhalb  des  Kreises
der  Grossmächte  des  Festlandes  wurde  durch  den  Wunsch
Napoleon’s,  neben  aller  Schutzvogtei  über  Rom  sich  ein  eigenes
gallisches  Kirchenthum  heranzubilden,  und  durch  die  Beust’sche
Emaneipirung  Österreichs  von  einem  Theil  der  kirchlichen  Einmischung
  vollendet.  Dazu  kam  die  fast  allgemeine  Überraschung
und  Befremdung  des  europäischen  Publikums  durch  die  Nachricht,
dass  in  den  Commissionen  des  Concils  das  Dogma  von  der  Unfehlbarkeit,
  von  welchem  man  kaum  noch  etwas  wusste,  im
modernsten  persönlichen,  d.  h.  in  dem  seit  dem  alten  Napoleon
zur  Tagesordnung  erhobenen,  cäsarischen  Sinne  vollendet
werden  sollte.  Es  konnte  keinen  geeigneteren  Augenblick  geben,
um  unter  dem  Beifall  des  Publikums  eine  Verständigung  der
Regierungen  gegenüber  diesem  heroischen  Wagniss  in  Vorschlag
zu  bringen.

In  der  That  ging  ein  solcher  Vorschlag  von  dem  Fürsten
Chlodwig  von  Hohenlohe-Schillingsfürst  aus.  Derselbe
stand  an  der  Spitze  des  bayrischen  Ministeriums  und  besass  an
seinen  drei  Brüdern  eime  internationale  Verbindung,  welche
seiner  Anregung  an  drei  der  verschiedensten  Stellen  Eingang
versprach.  Der  ältere  Bruder,  Victor,  Herzog  von  Ratibor  und
Fürst  von  Corvey  schien  ganz  dazu  geeignet,  um  die  Culturidee
in  Preussen  zu  empfehlen.  Constantin,  der  jüngste  Bruder,  bekleidete
  am  kaiserlichen  Hofe  zu  Wien  die  höchste  Charge  und
stand  dem  Cardinal  Erzbischof  von  Wien  nahe  genug,  um  durch
diesen,  welcher  der  päpstlichen  Neuerung  keineswegs  hold  war,
das  österreichische  Episkopat  in  eine  Streiterschaar  gegen  Anhänger
  des  Papstes  zu  vereinigen.  Das  Glück  hatte  es  dann
so  gefügt,  dass  der  Prinz  Gustav,  Erzbischof  von  Kdessa  (1.  p.  1.)
und  Grossalmosenier  des  heiligen  Vaters,  als  Cardinal  auf  dem
Concil  selber  in  die  Schlacht  der  Meinungen  eingreifen  konnte.