Die  Politik  Bismarck’s  gegenüber  dem  Vaticanischen  Concil.  151

Der  bayrische  Ministerpräsident  stand  ferner  mit  dem
Münchener  Stiftsprobst  Döllinger  in  naher  Verbindung  und
erhielt  von  demselben  die  Zusicherung,  dass  ihm  der  Beistand
des  deutschen  Episkopats  und  der  deutschen  Wissenschaft  gewiss
sei.  Die  protestantische  Kolonie,  welche  München  seit  den  Tagen
Ludwigs  I.  und  dessen  Nachfolgers  auf  den  Gebieten  der  Kunst
und  Wissenschaft  erhalten  hatte,  war  allerdings  nicht  ohne  Einfluss
  auf  das  dortige  Beamtenthum  und  Bürgerthum  geblieben
und  man  konnte  darauf  rechnen,  dass  eine  Schärfung  des  katholischen
  Dogma  unter  diesen  eine  sehr  geringe  Sympathie  finden
würde.  Eine  ähnliche  Einwirkung  der  Gelehrtenwelt  auf  Beamtenund
  Bürgerthum  hatte  zwischen  Bonn  und  Köln  stattgefunden
und  der  dortige  Erzbischof  stand  mit  demjenigen  Theil  des
französischen  Episkopats,  welcher  die  Freiheiten  der  gallicanischen
Kirche  behaupten  wollte,  nicht  ausser  Verbindung.  Dupanloup
z.  B.,  Bischof  von  Orleans,  der  Vorkämpfer  der  Gallicaner,  hatte
ihm  im  Herbst  des  Jahres  1869  einen  Besuch  ahgestattet.  Die
württembergische  Geistlichkeit,  unter  Hefele,  dem  Bischof
von  Rottenburg,  lebte  wie  in  einem  abgeschlossenen  Thale,  war
von  schwäbischer  Philosophie  getränkt  und  glaubte  sich  unter
dem  Schutz  ihres  Bischofs  gegen  jede  neue  Anspannung  der
Glaubenskraft  ‚gesichert.

Ein  Zweifel  an  der  Zertrümmerung  der  katholischen  Kirche
in  einen  Haufen  von  Nationalkirchen  galt  damals  als  Anmaassung.
  Russland  dictirte  seinen  Polen  einen  russificirten
Katholicismus;  Spanien  entkatholisirte  sich;  die  ungarische  Regierung
  arbeitete  daran,  ihre  katholische  Kirche  mit  der  gleichen
Autonomie  zu  beschenken,  mit  der  sie  ihre  israelitischen  Gemeinden
  in  die  Hand  der  Pester  Centralstelle  gebracht  hatte;
der  schwache  Erzbischof  von  Prag  fasste  aus  Furcht  vor  den
hussitischen  Aufzügen  seiner  Czechen  den  Muth  zur  Gründung
einer  czechischen  Landeskirche.  Über  allem  Zweifel  stand  aber
die  Errichtung  einer  katholischen  Nationalkirche  in
Deutschland,  als  der  bayrische  Ministerpräsident  durch  sein
Circulair  vom  9.  April  1869  die  europäischen  Regierungen  zu
einer  gemeinsamen  Vereinbarung  über  die  Unzuträglichkeiten
einlud,  die  ihnen  durch  den  Einfluss  des  vom  Concil  zu  erwartenden
  Dogmas  auf  die  Stellung  der  Bischöfe  zur  Staatsmacht
erwachsen  würden.

Alle  diese  Pläne  zu  Vorarbeiten  gegen  gefährliche  Wir-