152  Die  Politik  Bismarck's  gegenüber  dem  Vaticanischen  Concil.

kungen  der  Coneilsbeschlüsse  strich  Bismarck  aus  dem  Tageszettel
  der  diplomatischen  Aufgaben;  am  wenigsten  hielt  er  es
für  angemessen,  die  allgemeine  Hoffnung  auf  die  nahende  Geburt
von  Nationalkirchen  in  die  Berechnungen  und  Operationen  der
Diplomatie  aufzunehmen.  Die  Anfrage  Hohenlohe’s  nahm  er
sehr  kühl  auf  und  nannte,  als  er  dessen  Cireular  dem  norddeutschen
  Gesandten  am  päpstlichen  Hofe,  Harry  von  Arnim
am  2.  Mai  1869  zuschickte,  für  den  bayrischen  Vorschlag,  schon
jetzt  gegen  etwaige  einseitige  Beschlüsse  Verwahrung  einzulegen,
die  Sachen  noch  in  keiner  Beziehung  reif.

Diese  Ansicht  führte  er  auch  in  sehr  präciser  Form  noch
weiter  aus,  als  der  Gesandte  in  einer  Reihe  von  Berichten  gleichwohl
  noch  auf  augenblickliche  Beschlüsse  hinzuwirken  suchte.
So  kam  derselbe  in  dem  Antwortsberieht  vom  14.  Mai,  obwohl
er  die  Bedeutung  des  Goneils  in  verkleinernderen  Ausdrücken,
als  sein  Vorgesetzter  sich  erlaubt  haben  würde,  herabgesetzt,  die
einzige  nennenswertlie  Streitfrage  desselben  einen  müssigen  Wortstreit
  und  jeden  Versuch  einer  Einmischung  der  Regierungen  in
diesen  Streit  um  blosse  Schulfragen  einen  bedauerlichen  Act
genannt  hatte,  auf  den  Vorschlag  einer  activen  Betheiligung  der
deutschen  Regierungen  an  den  Verhandlungen  des  „wissenschaftlichen
  Vereins“  zurück,  auf  dessen  Stufe  er  das  künftige  Coneil
herabsetzte.  Er  nannte  es  nämlich,  da  in  diesem  Verein  doch
auch  Normen  über  das  Verhältniss  zwischen  Kirche  und  Staat
aufgestellt  würden,  für  angemessen,  die  Zulassung  von  Bevollmächtigten
  der  deutschen  Regierungen  (oratores)  zu  fordern,
damit  diese  rechtzeitig  ihren  Protest  einlegen  könnten.

Trotz  der  Anuseinandersetzung  des  Bundeskanzlers  vom
26.  Mai  1869,  wonach  es  „für  Preussen  verfassungsmässig  wie
politisch  nur  einen  Standpunkt  gibt:  —  den  der  vollen  Freiheit
der  Kirche  in  kirchlichen  Dingen  und  die  entschiedene  Abwehr
  jedes  Übergriffs  anf  das  staatliche  Gebiet“,  presste  die
unglückliche  Lage  der  künftigen  Nationalkirchengründer  schon
in  den  ersten  Wochen  des  Goneils  dem  Gesandten  neue  Nothrufe
  um  Hilfe  ab  und  sein  Vorgesetzter  schrieb  ihm  wieder  am
5.  Januar  1870:  „ein  voreiliges  Kingreifen  in  die  augenblickliche
  immer  noch  chaotische  Lage  der  Dinge  würde  der  Entwicklung
  der  Dinge  eine  unerwartete  Richtung  geben  und  Elemente,
  auf  welche  wir  gern  zählen  möchten  (die  Männer  der
Opposition)  nach  der  andern  Seite  hindrängen.“