156  Die  Römerzüge  der  Bismarck’schen  Ära.

XV.
Die  Römerzüge  der  Bismarck’schen  Ära,

Dem  Historiker  Sybel  ward  in  der  ersten  Sitzung  des
deutschen  Reichstags,  am  50.  März  1871,  ein  Ehrentag  zu  Theil,
wie  ihn  je  kaum  ein  Geschichtsschreiber  erlebt  hat.  Die  Vertreter
  des  neugegründeten  Reichs  bekannten  sich  zu  dem  Progranım,
  für  welches  der  Bonner  Gelehrte  Jahrzehnte  hindurch
gekämpft  hatte,  und  beeilten  sich,  vor  den  Lockungen  zu  warnen,
welche  die  wiedererweckten  Namen  Kaiser  und  Reich  und  die
mit  denselben  verbundenen  Erinnerungen  an  die  Heereszüge  der
mittelalterlichen  Kaiser  auf  manche  Gemüther  noch  ausüben
könnten.  Der  Abgeordnete  v.  Bennigsen  nahm  in  diesem
Sinne  auf  der  Tribüne  zuerst  das  Wort,  weihte  sie  als  Friedenskanzel
  ein  und  legte  es  mit  seiner  sanften  und  schmelzenden
Weise  der  Nation  ans  Herz,  dass  jene  Verirrungen  früherer
Kaiser  nur  aus  ihren  thörichten  Ansprüchen  auf  die  Beerbung
des  alten  römischen  Imperatorenthums  hervorgegangen  seien,  die
kaiserliche  Regierung  des  neuen  Reichs  aber  in  Uebereinstimmung
mit  den  Gefühlen  des  deutschen  Nordens  an  Nichts  weniger
denke,  als  in  die  „alten  Fehler  einer  deutsch-italienischen
und  deutsch-kirchlichen  Politik“  wieder  einzulenken  und  die
furchtbaren  Gegensätze  zwischen  Kaiser  und  Papst  wieder  zu
beleben.

Die  überwiegende  Mehrheit  der  Abgeordneten,  in  deren
Namen  Bennigsen  sprach,  hatte  noch  ausdrücklicher  als  ihr  beredter
  Führer  die  Verpflichtungen  anerkannt,  welche  sie  Sybel
für  seine  Aufklärung  über  das  Unheil  der  Hohenstaufischen
Politik  schuldig  war.  Is  galt  der  Erwiderung  auf  die  'Thronrede,
  namentlich  auf  deren  Absatz,  welcher  die  Bereitwilligkeit
Deutschlands  versichert,  „die  Achtung,  die  es  für  seine  Selbstständigkeit
  in  Auspruch  nimmt,  auch  der  Unabhängigkeit  aller
andern  Staaten  und  Völker  zu  zollen.“  An  der  entsprechenden
Stelle  des  Adressentwurfes  glänzte,  neben  einem  historischen
Rückblick  auf  die  Eingriffe  der  Hohenstaufenpolitik  in  die
Lebensinteressen  Italiens  und  auf  den  selbstrerschuldeten  Verfall
Deutschlands,  ein  zuvexsichtliches  Bekenntniss  der  Nicht-