164  Die  Römerzüge  der  Bismarck'schen  Ära,

Der  Cardinal  gehörte  im  Rath  und  in  der  Umgebung  des
Papstes  zu  den  Malcontenten.

Indessen  war  zwischen  der  vertraulichen  Meldung  Derenthall's
vom  25.  April  und  zwischen  der  amtlichen  Anfrage  desselben
vom  1.  Mai  etwas  Wichtiges  passirt.  In  der  Zwischenzeit  war,
wie  aus  der  Rede  Bismarck’s  vom  14.  Mai  erhellt,  die  päpstliche
Entscheidung  in  Berlin  bekannt  geworden  und  man  wollte  nun
doch  auch  eine  amtliche  Antwort  haben.  Der  in  Berlin
weilende  Cardinal  hatte  zwar  die  Entscheidung  erhalten,  aber
in  den  amtlichen  Kreisen  wollte  man  doch  die  „delicate*  Sache
auf  bureaukratischem  Wege  zum  reglementsmässigen  Schluss
führen,  —  daher  Derenthall's  Anfrage  vom  1.  Mai  nach  der
Genehmhaltung  der  Person  des  „ernannten“  Gesandten,  —  daher
aber  auch  in  Antonelli's  Antwort  vom  2.  Mai  das  Stillschweigen
über  die  bereits  gestrichene  Personenfrage  und  seine
Beschränkung  auf  den  Satz,  dass  der  Papst  unter  den  gegenwärtigen
  Umständen  der  Kirche  einen  Cardinal  nicht  zur
Annahme  eines  so  wichtigen  Postens  autorisiren  könne.

Noch  an  demselben  Tage,  an  welchem  Bismarck  in  seiner
Reichstagsrede  der  römischen  Expedition  die  Leichenrede  hielt
und  die  Vertreter  des  Reichs  mit  den  Worten  elektrisirte:  „nach
Canossa  gehen  wir  nicht,  weder  staatlich  noch  kirchlich,“
—  am  14.  Mai  unterzeichnete  er  die  Einladung  an  die  Mächte
zu  einem  gemeinsamen  Römerzug.

So  kam  die  Papstwahldepesche  in  die  Welt.  Ihr  Gang
war  aber  sehr  unsicher  und  schleppend.  Schon  der  Eingang
des  Schriftstücks  zeugte  von  einer  tastenden  Verlegenheit.  Erst
die  Versicherung,  ‚dass  die  Gesundheit  des  Papstes  Pius  IX.
„allen  Nachrichten  zufolge  eine  durchaus  befriedigende  ist
und  keine  Symptome  einer  baldigen  Änderung  darbietet,!  —
dann  der  gebrechliche  Bau  des  Gemeinsatzes,  dass  „über  kurz
oder  lang  eine  neue  Papstwahl  immer  eintreten  muss"  —
endlich  ‘der  ins  Unbestimmte  verlaufende,  ebenso  sehr  Eile  wie
Abwarten  empfehlende  Nachsatz,  dass  „der  Zeitpunkt  sich  der
menschlichen  Berechnung  und  Voraussicht  entzieht“  —  Alles
das  konnte  die  auswärtigen  Regierungen,  denen  die  Vertreter
des  deutschen  Reichs  das  Schriftstück  vorlesen  sollten,  nicht
enthusiasmiren.

Auch  der  Inhalt  war  nicht  erweckend.  Die  Einladung  an
die  Mächte,  sich  über  die  Garantieen  zu  verständigen,  welche