Die  Römerzüge  der  Bismarck’schen  Ära,  165

die  Wahl  und  die  Person  eines  künftigen  Papstes  gegen  den
Missbrauch  seiner  Gewalt  bieten,  eröffnete  eher  die  Aussicht
auf  ein  unfruchtbares  Schlachtfeld  der  zufälligsten  Scrupel  und
Meinungen,  als  auf  eine  der  Rede  werthe  Einigung.  Die  Bezeichnung
  der  früher  bei  der  Papstwahl  von  drei  Mächten  geübten
  Exclusiva  als  einer  illusorisch  gewordenen  Garantie,  konnte
Frankreich  und  Spanien  bei  ihren  damaligen  inneren  Nöthen
sehr  kühl  lassen,  aber  doch  Österreich  zu  dem  Versuch  reizen,
sich  als  Erben  des  früheren  römischen  Kaisers  geltend  zu
machen.

Die  officiösen  Blätter  thaten  zwar  wiederum  ihre  Pflicht,
als  die  Oberleitung  ihnen  gegen  Ende  des  Juni  1872  eine  Andeutung
  über  die  eingeleiteten  Unterhandlungen  zukommen  liess.
Es  schien  bereits  so,  als  ob  sich  jenes  Wort  erfüllen  sollte,
welches  Napoleon  I.  vor  seinem  Aufbruch  nach  den  russischen
Steppen  an  die  französischen  Bischöfe  richtete:  „sobald  ich,  was
sich  jetzt  vorbereitet,  und  zwei  oder  drei  Projecte,  die  ich  hier
(sich  an  die  Stirn  schlagend)  habe,  beendigt  haben  werde,  wird
es  in  Europa  zwanzig  Päpste  geben;  Jeder  wird  seinen
eigenen  haben.“  So  glaubten  auch  jetzt  manche  Reichsfreunde,
dass  die  Zeit  der  Staatspäpste  und  Gegenpäpste  vor  der
Thüre  stehe.

Jedoch  gab  es  auch  noch  reichstreue  Blätter,  die  sich  von
der  Aussicht  auf  einen  etwaigen  Protest  gegen  die  nächste
Papstwahl  gar  nicht  erbaut  fühlten.  So  nannte  die  „Weserzeitung“
  vom  29.  Juni  eine  solche  von  der  „Norddeutschen
Allg.  Zeitung“  eröffnete  Perspective  für  den  deutschen  Reichsbürger
  sehr  unerfreulich.  Sie  hörte  die  unmuthigen  Seufzer,  ob
denn  das  neue  deutsche  Kaiserthum  „die  unerquickliche  Erbschaft
  seiner  mittelalterlichen  Vorgänger  auf  sich  nehmen  und
jene  Händel  sich  wieder  aufladen  soll,  an  denen  das  alte  Reich
verblutete,‘  —  ob  man,  von  dem  häuslichen  Kirchenkampf  noch
nicht  genugsam  in  Anspruch  genommen,  auch  noch  in  die  Ferne
schweifen  und  vielleicht  mit  pommerischen  Regimentern  den
Vatican  einschliessen  und  zur  Capitulation  zwingen  will.

Acht  Tage  vorher,  am  21.  Juni  hatte  die  Spenersche
Zeitung  dem  Publikum  den  Boden  unter  den  Füssen  heiss  gemacht
  und  die  Nachricht  mitgetheilt,  dass  der  Papst  schon  im
Jahre  1870.  die  Bulle  unterzeichnet  habe,  durch  welche  mit
Umgehung  aller  üblichen  Formalitäten  die  Wahl  des  Nachfolgers