166  Die  Römerzüge  der  Bismarck’schen  Ära.

praesente  cadavere  durch  die  in  Rom  anwesenden  Cardinäle
vorgeschrieben  werde.  Ein  Paar  Tage  darauf  heizte  sie  dem
Reichsbürger  von  Neuem  ein  und  machte  ihm  die  ausserordentliche
  Bedeutung  jener  Bulle  durch  die  Iönthüllung  klar,
dass  die  Feinde  des  Reichs  mit  dem  Plan  umgingen,  nach  dem
„vielleicht  schon  morgen“  eintretenden  Hinscheiden  Pius  IX.
einen  Franzosen  oder  einen  französisch  gesinnten  Italiener  mit
der  Tiara  zu  krönen  und  von  ihm  die  Coalition  der  Grossmächte
gegen  das  deutsche  Reich  einsegnen  zu  lassen.

Zur  Unterstützung  dieser  Attake  auf  das  Publikum  erschien
endlich  in  der  Mitte  des  Juni  eine  hoch-officiöse  Schrift,  die
unter  dem  Titel:  „ein  Wort  über  die  Papstwahl“  für  die  deutsche
Regierung  gegenüber  einem  vom  Conclave  in's  Auge  gefassten
Papst-Candidaten  dasselbe  Recht  der  vorhergehenden  Prüfung
seiner  Garantieen  für  den  Frieden  zwischen  Kirche  und  Staat
in  Anspruch  nimmt,  welches  die  preussische  Regierung  bisher
gegenüber  einem  in  Vorschlag  gebrachten  Bischof  übte.

Aber  still  und  sanft  wie  diese  Broschüre  in  den  gütigen
und  die  \Welt  von  Tagesproducten  befreienden  Strom  der  Vergessenheit
  versank,  so  verlief  sich  auch  die  Papstwahldepesche
vom  14.  Mai  1872  in  dem  dürren  Sande,  der  sie  in  den
Cabinetten  der  angesehensten  Mächte  aufnahm.  Ihr  Unglück
wurde  schon  am  12.  Juli  1872  in  einer  Berliner  Correspondenz
des  „Hannoverschen  Couriers"  angedeutet;  als  der  „Reichsanzeiger"
  am  29.  December  die  Depesche  selbst  brachte,  flossen
die  Trauernachrichten  reichlicher;  uns  genügt  indessen  die
authentische  Erklärung  Bismarck’s  in  der  Reichstagssitzung  vom
9.  Juni  1873:  „wir  werden  uns  jeder  Einwirkung  auf  die  Papstwahl
  enthalten  und  sie  gar  nicht  versuchen.“

Trotz  des  Unglücks,  welches  alle  diese  Römerzüge  verfolgte,
  übte  Rom  immer  noch  den  Zauber  aus,  mit  dem  es  die
deutschen  Gemüther  anzog.  Deutsche  Reichsfreunde  umkreisten
den  Vatican,  in  welchem  das  Original  der  Spenerschen  Bulle
praesente  cadavere  wie  ein  leuchtender  Schatz  ruhte,  und  suchten
der  Curie  ihr  Geheimniss  zu  entreissen.  lJndlich  trafen  sie  den
rechten  Mann,  der  ihnen  eine  Abschrift  des  Urtextes  aus  dem
Verschluss  der  heiligen  Burg  auslieferte,  und  die  „Kölnische
Zeitung“  vom  9.  Januar  1874  hatte  das  Glück,  die  Papstwahlbulle
  in  einer  deutschen  Übersetzung  zu  veröffentlichen.
Der  sogleich  von  dem  rheinischen  Blatte  erhobene  Kriegsschrei