Der  Jesuitenkrieg  der  neuen  Ära.  169

Ruthe  verdichtete.  Die  Sternkundigen  in  den  officiellen  Reichskreisen
  und  ihre  officiösen  Apostel  deuteten  es  als  das  Vorzeichen
einer  grossen  Reichsgefahr  und  eines  innern  Kriegs,  der  von  einer
auswärtigen  Weltmacht  angefacht  und  mittelst  einheimischer
Verbündeter  unterhalten  würde.

Der  Unglücksstern  hatte  sich  sogleich  in  der  ersten  Sitzung
des  deutschen  Reichstags  am  1.  April  1871  angekündigt;  seine
fahlen  Strahlenbüschel  züngelten  am  Horizont  empor  und  fuhren
am  Rande  des  Bodens  hin  und  her,  als  wollten  sie  dem  unheimlichen
  Gast  den  Weg  öffnen.  Die  Redner  der  Mehrheit
fühlten  etwas  von  der  Gefahr  der  Zukunft  und  suchten  ihr  den
Eintritt  zu  wehren.

Bennigsen  aber,  der  die  erste  Stimme  führte,  vermaass  und
versprach  sich  in  seiner  ängstlichen  Vorsorge  ganz  gewaltig,  als
er  im  Namen  des  „deutschen  Nordens“  das  neue  Reich  von
Italien  und  Rom  durch  eine  Pappwand  für  immer  scheiden  und
die  Blicke  der  deutschen  Katholiken  vom  Süden  absperren  wollte.
Der  erste  Gruss,  welchen  er  der  katholischen  Minderheit  des
Reichstags  entgegenbrachte,  war  ihre  Unmündigkeitserklärung
und  Herabsetzung  zu  Hintersassen,  die  sich  hinter  den  Kindern
des  Nordens  und  echten  Kennern  und  Vertretern  des  Reichs  nur
fügsam  zusammenzukauern  hätten.  Treitschke  herrschte  ihnen
dann  bei  ihrem  Rufe  nach  Grundrechten  wie  Ungethümen  einer
im  Sturz  des  Jahres  1848  versunkenen  Urwelt  zu  und  Schulze
(Delitzsch)  und  Miquel  stampften  auf  den  Boden,  als  könnten  sie
die  züngelnden  Strahlen  am  Horizont  zerquetschen  und  dem
fremden  Gast  den  Kopf  zertreten.

Vergebliche  Mühe!  Das  Gestim  war  im  Frühling  des  Jahres
1872  schon  hoch  aın  Horizont  aufgestiegen  und  wanderte  mit
sicherm  Gange  dem  Zenith  der  Entscheidung  zu,  dem  es  sich
in  unsern  Tagen  schon  nähert.  Der  Schrecken,  welcher  die
Reichstagsmehrheit  im  April  1871  ausser  sich  gebracht  hatte,
verbreitete  sich  jetzt  auch  in  den  Kreisen  des  Publikums  und
man  fragte,  was  das  Zeichen  bedeute,  wo  die  Reichsgefahr  liege
und  wie  ihr  vorzubeugen  sei.

Wir  lesen  schon  von  den  Völkern  des  Alterthums  wie  von
den  heutigen  Binnenstämmen  andrer  \Welttheile,  dass  sie  das
Grauen  über  eine  ungewohnte  Himmelserscheinung  durch  Trommelund
  Hörnerklang  zu  betäuben  und  mit  dieser  Musik  zugleich
den  drohenden  Geist  droben  zu  erschrecken  suchen.  Eine  ähn-