Der  Jesuitenkrieg  der  neuen  Ära.  171

kirchlich-römischen  Centralisation  noch  nachdrücklicher  als  er
hervorgehoben  und  daraus  die  Lossprechung  des  Reichs  von  den
bisherigen  Rücksichten  auf  die  Curie  abgeleitet  haben,  übersahen
bei  ihren  völkerrechtlichen  Beweisführungen,  dass  sich  neben
den  geistlichen  und  gleichzeitig  mit  ihr  auch  eine  grosse
politische  Centralisation  erhoben  hatte.  Die  Stiftung  der  Jahre
1866  und  1870  hat  man  nun  schon  so  oft  als  ein  neues  Reich
bezeichnet,  welches  sich  sowohl  von  den  kaiserlichen  Gebilden
des  Mittelalters  wie  von  dem  nächstvorhergehenden  Bundesstaat
der  Gegenwart  unterscheidet,  —  warum  hat  man  also  diese  neue
Stiftung  nicht  mit  der  römischen  Schöpfung  der  sechziger  und
siebziger  Jahre  in  Parallele  und  Zusammenhang  gebracht?
Warum  ist  man  nicht  zur  Frage  fortgegangen,  ob  Pius  IX.  diese
deutsche  Uentralisation  nicht  in  Erwägung  gezogen  und  mit  ihr
gleichen  Schritt  gehalten  hat?

‚Seit  dem  italienischen  Krieg  des  Jahres  1859  musste  der
Papst  den  Verlust  der  weltlichen  IIerrschaft  in  seine  Berechnungen
  ziehen.  Zwei  seiner  Vorgänger,  Pius  VI.  und  VII,
waren  aus  dem  Quirinal  in  französische  Gefängnisse  geschleppt,
er  selbst  von  der  römischen  Republik  vertrieben  worden.  Sein
Unglaube  an  den  Bestand  Napoleon’s  III.  ward  bestätigt,  als  der
Kaiser  in  der  Verlegenheit,  welche  ihm  das  mexikanische  Abenteuer
  bereitete,  dem  König  von  Italien  die  Zwischenstation
Florenz  zum  letzten  Sprung  auf  Rom  anweisen  musste.  Zugleich
sah  Pius,  wie  seine  andere  Schutzmacht,  Österreich,  aus  Mangel
an  militärischer  Rüstung,  an  Scharfsinn  und  an  Entschlossenheit
für  eine  ernste  Erfassung  der  Katastrophe,  auch  in  der  schlecht
begründeten  Hoffnung,  als  Preussens  militärischer  Alliirter  dessen
Arm  zu  fesseln,  mit  seinem  Nebenbuhler  in  den  schleswigholsteinischen
  Krieg  zog  und  nach  dem  Wiener  Frieden  dazu
half,  den  deutschen  Bundestag  an  eine  bescheidene  Auffassung
sciner  Competenzen  zu  erinnern.

Die  Stellung  des  Papstes  war  hoch,  seine  Lage  bedroht
und  sorgenvoll,  sein  Scharfsinn  durch  frühere  Katastrophen  geübt
genug,  als  dass  er  sich  durch  das  scheinbare  Chaos  der  damaligen
preussischen  Zustände  hätte  täuschen  lassen.  Der  Conflict
zwischen  der  gesteigerten  und  militärisch  gestärkten  Ministerialgewalt
  und  einer  Volksvertretung,  die  in  der  deutschen  Einheit
das  Heilmittel  gegen  cine  wachsende  Regierungsgewalt  suchte,
imponirte  ihm  nicht.  Die  erhöhte  Militärmacht  in  Verbindung